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Macron muss heute um Wiederwahl bangen

10.04.2022 • 11:46 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Macron Anfang April beim Wahlkampfauftakt in der La Defense-Arena in Nanterre, einem Vorort von Paris
Macron Anfang April beim Wahlkampfauftakt in der La Defense-Arena in Nanterre, einem Vorort von Paris APA/AFP/POOL/LUDOVIC MARIN

Sind die Zweiten von Frankreichs Präsident nun vorbei?

Im September 2016 stand Emmanuel Macron mit Chips und einer Dose Bier an der engen Bar eines TGV-Zuges und die Reisenden, die sich vorbeidrängten, erkannten den damaligen Finanzminister nicht. Noch war er ein Unbekannter. Noch hatte er seinem politischen Ziehvater François Hollande nicht den Kampf angesagt, noch dachte niemand, der junge Minister, der in seinem Leben noch in kein einziges Amt gewählt worden war, könne ein halbes Jahr später Präsident sein. Außer er selbst.

Kurz zuvor hatte Macron in Lyon an einer Debatte zu Europa teilgenommen, die der heimliche Auftakt seines Wahlkampfs war. Er wirkte, als könne er über Wasser gehen. Mit 39 Jahren wird derjenige, der ohne Partei angetreten war und dem niemand eine ernsthafte Chance ausgerechnet hat, Präsident von Frankreich.

Als „Banküberfall des Jahrhunderts“ hat er selbst einmal seine Wahl bezeichnet. Im Mai 2017 zieht er mit seiner 24 Jahre älteren Frau Brigitte in den Elysée-Palast ein. Auch diese Ehe mit der Französischlehrerein aus Amiens, die seine Theater-AG leitete, kann man als deutliches Zeichen dafür werten, dass Macron immer alles anders macht als alle anderen.

Kaderschmieden

Der Absolvent der Elite-Schmiede ENA und Ex-Banker von Rothschild, der mit nicht einmal 40 schon Millionär ist, fasziniert anfangs auch diejenigen, die nicht für ihn gestimmt haben. „Ein Mozart im Elysée“, titeln die Zeitungen, nicht nur, weil er Klavier spielt, sondern weil er denselben Furor hat, wie der junge Komponist: Er will alles, und zwar sofort. Er ist so charmant, dass er „einen Sessel verführen könnte“, wie es der Schriftsteller Emmanuel Carrère in einem Porträt formuliert.

Macron will aus dem verkrusteten Frankreich eine Start-Up-Nation machen und zieht überfällige Reformen trotz heftiger Proteste durch. Seine Reden spickt er mit Zitaten aus Literatur, Philosophie und immer scheint er die großen Linien der Geschichte im Auge zu haben. Mit im Nachhinein bestechender Klarsicht sagt er 2018: „Mich stimmt paradoxerweise optimistisch, dass die Geschichte wieder tragisch wird. Europa wird nicht mehr geschützt sein, wie es seit Ende des Zweiten Weltkriegs der Fall war.“

Es ist Macrons Selbstsicherheit, die ihn so weit gebracht hat, und sie ist es auch, die einen sichergeglaubten Sieg für eine zweite Amtszeit plötzlich unsicher erscheinen lässt. Als Chef-Diplomat in der Ukraine-Krise stieg seine Beliebtheit und die Umfragen sagten ihm in den vergangenen Wochen einen klaren Vorsprung vor der Rechtspopulistin Marine Le Pen voraus.

Le Pen rückt näher

Doch Macron wollte so lange wie möglich in der Rolle des Präsidenten bleiben und verweigerte die des Kandidaten. Er dachte, davon zu profitieren. Aber je näher die Wahl rückte, desto geringer wurde der Abstand zwischen den beiden Haupt-Rivalen. Im Augenblick schließen Demoskopen einen möglichen Sieg Le Pens in der Stichwahl am 24. April nicht mehr aus.

Die monarchistische Republik Frankreich wählt mit dem Präsidenten auch ihren König. Macron hat diesen Mythos bedient. Er kam als Retter. Die Enttäuschung war auf der Höhe der Erwartungen. Nach fünf Jahren Amtszeit hat Macron seine linken Wähler großteils verloren, und die 40 Prozent, die damals in der Stichwahl nicht für stimmten, konnte er nicht gewinnen.

Es genügt, in die Provinz zu fahren, um zu spüren, dass jenseits der Pariser Politik- und Medienblase ein Macron-Hass herrscht. Sein Versprechen, die Spaltung Frankreichs zu beenden und dafür zu sorgen, dass es keinen Grund mehr gibt, für rechts- oder linksextreme Parteien zu stimmen, hat er nicht halten können. Im Gegenteil.

Zieht man die möglichen Stimmen aller Randkandidaten zusammen, der streng antikapitalistischen Linken und der nationalen Rechten, dann kommen die Demoskopen derzeit auf über die Hälfte der Wähler. Der er Hass gegen den „Präsidenten der Reichen“ mag sich dank entschieden konservativer Maßnahmen erklären, die Macron gleich zu Beginn seiner Amtszeit durchgesetzt hat.

Nach der Veränderung der Vermögenssteuer und der Abschaffung des Wohngelds für Geringverdiener wurde er diese Etikette nicht mehr los, obwohl während der Corona-Pandemie kein anderes Land in Europa so viel Geld in Firmen und Haushalte gepumpt hat wie Frankreich.

Durch den Versuch, eine Ökosteuer auf Benzin einzuführen, löste er im Herbst 2018 die größte Sozialkrise aus, die Frankreich seit Jahrzehnten gesehen hatte. Kaum war es ihm gelungen, die Wut der Gelbwesten durch eine Art kollektive Gesprächstherapie und Milliardenversprechen zu besänftigen, hatte er die Franzosen wegen der Rentenreform gleich wieder auf der Straße. Dieses Mal waren es die Gewerkschaften, die das Land monatelang lahmlegten, bis schließlich die Pandemie für Monate alles zum Stillstand brachte.

Dass sich Macrons wirtschaftliche Bilanz trotzdem sehen lassen kann, wirkt wie ein french paradox: In Sachen Arbeitslosigkeit ist ihm eine Wende gelungen, auch die Jugendarbeitslosigkeit ist auf dem tiefsten Stand seit 15 Jahren. Der Ritterschlag kam mit einem Artikel der „New York Times“, in dem Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman Frankreich bescheinigte, am allerbesten von allen durch die Pandemie gekommen zu sein.

Auf dem offiziellen Foto von 2017 steht Macron an seinem Schreibtisch gelehnt, eingerahmt von den Fahnen der EU und Frankreichs. Auf die Frage, was er bei seiner möglichen Wiederwahl ändern würde, antworte der 44-Jährige: „Ich bin ein anderer geworden.“

Seine Amtszeit war eine schnelle Abfolge ungeahnter nationaler und internationaler Krisen. Macrons Schläfen sind in diesen fünf Jahren leicht ergraut, die Sorgenfalten haben sich tiefer in seine Stirn eingegraben. Die Tragik der Geschichte hat ihn eingeholt. Geblieben ist das Gefühl mangelnder Volksnähe. Manche nennen es Arroganz.

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