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Wie der Krieg das Profil von Baerbock schärfte

12.05.2022 • 16:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Baerbock im von den russischen Truppen verwüsteten Butscha
Baerbock im von den russischen Truppen verwüsteten Butscha (c) AP (Efrem Lukatsky)

Der deutsche Kanzler Scholz läuft Gefahr, in der Positionierung zum Ukraine-Krieg aufgerieben zu werden.

Der Anfang war so historisch wie holprig. Als Annelena Baerbock am 8. Dezember 2021 in ihre Laufbahn als deutsche Außenministerin startete, war sie tatsächlich die erste Frau in diesem Amt – und bekam dafür nicht gerade einen Vertrauensvorschuss. Die Skepsis war spürbar.

Der Wahlkampf der Grünen zur Bundestagswahl 2021 hatte bisweilen zerfahren, das Spitzenduo nicht immer auf gleichen Linie gewirkt. Baerbock hatte zusammen mit Robert Habeck den Bundesvorsitz der Partei Bündnis 90/Die Grünen inne – und wurde dann Kanzlerkandidatin, was Habeck in Interviews durchaus mit etwas Bitterkeit kommentierte. Als Buchautorin war Baerbock auch noch mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert – keine besonders gute Visitenkarte.

Nun, gut fünf Monate nach Amtsantritt und 77 Tage Ukraine-Krieg später, scheint ihr Profil deutlich konturierter. Von einem – relativ – geruhsamen Start in ihre Amtszeit war spätestens ab 24. Februar keine Rede mehr. Baerbock musste liefern – und tat es. In Deutschland stellen sich inzwischen nicht wenige die Frage: Wäre die 41-Jährige im Auswärtigen Amt gerade in Zeiten wie diesen gar die bessere Kanzlerin? Der amtierende deutsche Kanzler Olaf Scholz (SPD) läuft weiter Gefahr, in der Positionierung zum Ukraine-Krieg aufgerieben zu werden. Er stand lange Zeit für einen anhaltenden Kurs des Zauderns und hat bis zum heutigen Tag die von Wladimir Putins Truppen überfallene Ukraine noch nicht besucht.

Baerbock, als sie die deutsche Fahne vor dem wiederöffneten Botschaftsgebäude in Kiew hisste
Baerbock, als sie die deutsche Fahne vor dem wiederöffneten Botschaftsgebäude in Kiew hissteAPA

Baerbock war in dieser Woche in Kiew: Am Dienstag hisste sie die deutsche Fahne vor dem wiederöffneten deutschen Botschaftsgebäude, am gleichen Tag traf sie den standhaften ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Bei einem Treffen mit Vitali Klitschko, Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt, sicherte sie weitere Unterstützung im militärischen Bereich wie auch beim Wiederaufbau zu. Das symbolisiert Tatkraft, auch wenn in Deutschland gewiss nicht alle die Waffenlieferungen an die Ukraine unterstützen. In Butscha, dem Kiewer Vorort, der für bestialische Verbrechen an ukrainischen Zivilisten steht, machte sie sich in Schutzweste selbst ein Bild der Lage.

Baerbock mit Kiews Bürgermeiser Vitali Klitschko
Baerbock mit Kiews Bürgermeiser Vitali KlitschkoAPA

Im Gepäck hatte die deutsche Außenministerin neben Zusagen, die die Ukraine in ihrem brutalen Existenzkampf hören will, auch einige deutliche Sätze: „Hätte dieser brutale Vormarsch nicht zurückgedrängt werden können, dann hätte auch diese Stadt anders ausgesehen“, sagte sie über Kiew. Ein Satz, der besonders nachhaltigen Eindruck machte: „Diese Opfer könnten wir sein.“ Damit machte Baerbock die Dimension des russischen Angriffs für das demokratische Europa und den Westen klar – als deutsche Spitzenpolitikerin, als überzeugte Europäerin und nicht zuletzt als Mensch.

Baerbock mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj
Baerbock mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr SelenskyjAP

Dass gerade sie als Grünen-Politikerin das Recht auf Verteidigung betonte und die Lieferung schwerer Waffen dezidiert nicht ausschloss, erstaunte zunächst. Der größtenteils charismalose Scholz hingegen wirkt starr und unentschlossen, verhinderte die Lieferung schwerer Waffen lange mit dem Hinweis, dass dann „ein Atomkrieg“ drohe. Der ohne Elan ins Kanzleramt Eingezogene führt die Ausladung deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeiers durch Selenskyj ins Treffen, wenn er auf seinen nach wie vor nicht stattfindenden Solidaritätsbesuch in der Ukraine angesprochen wird.