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Sie ist der Anker für ein ganzes Königreich

29.05.2022 • 13:58 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Sie ist der Anker für ein ganzes Königreich
(c) AP

Feiern werden Ehrerbietung für Elizabeth II. im 71. Amtsjahr sein.

Man soll sich nicht täuschen: Dem Vernehmen nach nur “widerwillig” soll Elizabeth II. jüngst die Thronrede an ihren ältesten Sohn Charles abgegeben – und dieser erstmals seit 1963 nicht beigewohnt – haben. “Episodische Mobilitätsprobleme” ließen einer geistig hellwachen 96-Jährigen keine andere Wahl – auch eine Monarchin ihres Zuschnitts muss schließlich auf ihre Leibärzte hören.

Es war ein starkes Indiz dafür, dass das “Elisabethanische Zeitalter” seinem finalen Akt entgegensteuert. Der erste Thronfolger, der auf seinen großen Moment bis in sein Seniorenalter wartete, wird “die Firma” (also das Königshaus), da der Moment einmal kommt, übernehmen. Trotz seiner endlos wirkenden Lehrzeit war dem 73-Jährigen anzumerken, dass seine “Queen’s Speech” noch eine Art Probelauf war. Neben ihm lag auf einem Tischchen samt Polster die funkelnde “Imperial State Crown”: ein Bild von enormer Symbolik.

Sie ist der Anker für ein ganzes Königreich
Queen Elizabeth und ihr Mann Prinz PhilipAP

Am 6. Februar war Elizabeth II. 70 Jahre britische Königin – übertroffen nur von Frankreichs Ludwig XIV., der aber schon im Alter von vier Jahren offiziell zum König (unter Vormundschaft) auserkoren worden war. Von 2. bis 5. Juni wird zu ihren Ehren gejubelt und gefeiert. Der Staat schenkt seinen Bürgern mit dem 3. Juni gar einen zusätzlichen Feiertag. Die Monarchin wird sich über das Programm, das der Palast zusammen mit dem Ministerium für Digitales, Kultur, Medien und Sport ausarbeitete, gewiss freuen. Dem Volk wird sie sich vermutlich nur punktuell zeigen – der Queen sind populistische Gesten seit jeher fremd: Vom Tag ihrer Inthronisierung an wurden ihr Diskretion und Distinguiertheit antrainiert.

Zwei tragische Ereignisse

Der Zug zur Distanz kratzte zweimal gewaltig an ihrer Beliebtheit, stürzte die gesamte Monarchie in eine Krise: Das war das verheerende Minenunglück 1966 in Südwales, als sich eine ganze Halde löste und den Berg Merthyr bis in das Bergarbeiterdorf Aberfan hinabdonnerte: 144 Menschen – 116 davon Kinder – starben. Die Queen aber brauchte volle acht Tage, um sich durchzuringen und das Leid des Volkes bei einem Besuch vor Ort zu teilen. Ein Lapsus, den sie bis heute bereut. Dann war da 1997 der Unfalltod von Diana, der Prinzessin der Herzen, die sie nach Ansicht vieler Bürger zunächst nicht ausreichend betrauerte. Was lange Zeit für Unverwundbarkeit stand, nämlich das höfische Schweigen der Königin, wurde ihr ganz offen als Mangel an Empathie ausgelegt: Selbst eine Königin habe hier Bringschulden.

Gerade während der letzten Jahre wurde der hochbetagten Regentin mehr denn je die Rolle der Krisenmanagerin zuteil: Diverse Sündenfälle (Prinz Andrew, der Unsägliche) und Absprünge (Enkel Harry, der Abtrünnige) waren hausgemachte Problemfälle. Zudem gilt es, in einem vom Brexit und der Pandemie durchwirkten Königreich aufrechte Zuversicht zu demonstrieren. Dass Elizabeth II. im April 2021 nach 73 Ehejahren ihren niemals von ihrer Seite weichenden Mann Philip verlor, machte ihre einsame Bürde nicht einfacher. Corona überstand Elizabeth II. tapfer, trotzdem kam dann der selbst gewählte Rückzug ins Schloss Windsor. Neue Losung: Die Königin wird bei offiziellen Anlässen nur noch anwesend sein, wenn dies angekündigt wurde – ansonsten sollen “jüngere” Generationen das Schiff lenken: Neben dem ausgelernten Charles und seiner Frau Camilla (74) sind dies das brave Duo Prinz William (39) und Gattin Kate (40), Queen-Tochter Anne (71) sowie der farblose Prinz Edward (58) samt Gemahlin Sophie (57).

Pragmatismus gehört zur königlichen DNA. So sagte Elizabeth II. ob der voll ausbrechenden Pandemie, aber auch im Angesicht des Brexits zum Volk im Jahr 2020: “Ich spreche zu Ihnen in einer Zeit wachsender Herausforderung, einer Zeit der Zerrissenheit im Leben unseres Landes – einer Zerrissenheit, die Gram für einige, finanzielle Schwierigkeiten für viele und enorme Veränderungen im täglichen Leben von uns allen mit sich bringt.” Fast 68 Jahre zuvor hatte sie nur rund elf Monate nach dem frühen Tod ihres Vaters George VI. ihre erste Radio-Weihnachtsansprache im Sandringham House gehalten. An ihrer Aufgabe änderte sich seitdem im Grunde nichts: Königreich und Königsfamilie zusammenzuhalten, der patiniert-staubzuckrigen Monarchie Würde zu geben, der es dieser Welt offenkundig fehlt – und diese vorgegebene Aufgabe vorzugsweise bis zum letzten irdischen Tag zu erfüllen.

Das bröckelnde Reich

Nach Elizabeth II. wird sich jeder Monarch und jede Königin in Großbritannien mit ihr messen müssen – so glasklar die britische Thronfolge auch geregelt ist. Sie erlebte (und überlebte) 14 verschiedene britische Premierminister und zahllose Regierungschefs in aller Welt. Außerdem gab sie dem “Commonwealth of Nations” uniformen Anstrich: Der Staatenbund unter ihrer Krone bröckelt längst dahin, wie das sich 2021 offiziell abnabelnde Barbados zeigte.

Auf ihrer Karibikreise schlug William und Kate jüngst offene Kritik entgegen: Emanzipiertes Aufbegehren gegen das Verstockte, Monarchische gab es auf Jamaika – und in Belize, von dem man vor der Zeit abreiste. Gegenüber der Queen – sie fliegt seit Längerem nicht mehr durch die Welt – würden sich selbst Gegner des Königshauses offene Ablehnung wohl nicht erlauben. Was und wer kann das Königreich in Zukunft austarieren? Wer wird ihm Anker sein? Wie modernisiert man etwas, das aus konstitutioneller Tradition existiert?

Die nahenden Feiern sind Ehrerbietung für die Monarchin. Sie schmecken aber auch nach Abgesang auf das, was hinter ihr liegt. Das Volk hofft, dass es noch ein gutes Stück zusammen mit ihr gehen kann. Dass die Unantastbare zuletzt bei der Königlichen Pferdeshow in Windsor öffentlich, vergnügt und rüstig auftrat, nährte die Hoffnung darauf. Oder wie die unabdingbar Pflichtbewusste einst sagte: “Arbeit und Mühe sind die Miete, die wir zahlen für den Raum, den wir auf dieser Erde bewohnen.”

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