International

Äthiopien: Die vergessene Katastrophe

19.06.2022 • 14:04 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Getreide Teff ist normalerweise sehr genügsam. Aber wegen der anhaltenden Dürre wächst es spärlich und enthält zu wenig Samen, um es zu verwerten. Also lässt man die abgemagerten Kühe auf dem Feld grasen.
Das Getreide Teff ist normalerweise sehr genügsam. Aber wegen der anhaltenden Dürre wächst es spärlich und enthält zu wenig Samen, um es zu verwerten. Also lässt man die abgemagerten Kühe auf dem Feld grasen. David Knes

In Äthiopien verschärft sich die dürrebedingte Hungerkatastrophe.

Ein Lachen geht durch die Runde. Die Journalisten warten auf die Übersetzung, um zu verstehen, was die ansonsten von Verzweiflung gezeichneten Gesichter in einem kleinen Dorf am Stadtrand von Shashamane im Süden Äthiopiens für einen Moment amüsiert. Der Übersetzer klärt auf: Nach seinem Berufswunsch gefragt, hat der 12-jährige Tamam Tesho geantwortet, er möchte einmal für die Regierung arbeiten. Die Vorstellung, die Regierung könne der Dürre oder anderen grundlegenden Problemen des Landes tatsächlich etwas entgegensetzen, ist wohl lächerlich – auch wenn das so niemand ausspricht.

Äthiopien: Die vergessene Katastrophe
Tamam Tesho (12) interressiert sich für die Fächer Geografie und Englisch, aber seit zwei Monaten geht er nicht mehr in die Schule, weil er die Familie unterstützen muss. Er schiebt HandkarrenFotograf

Doch Tamam meint es ernst, er will einmal dafür sorgen, dass das Land reicher wird, vor allem die ganz Armen genug zu essen haben. Die paar Zettel in seiner Hand täuschen darüber hinweg, dass er schon zwei Monate nicht mehr in der Schule war. Besonders die Fächer Geografie und Englisch fehlen ihm. Anstatt die Schulbank zu drücken, schiebt Tamam jetzt täglich Handkarren. In Zeiten wie diesen packt jeder mit an. Weder Viehhaltung noch der Anbau von Teff bringen ausreichende Erträge. Nicht einmal das normalerweise sehr genügsame Getreide bildet genügend Samen, um es zu verwerten. Also lässt man die abgemagerten Kühe auf den staubtrockenen Feldern grasen.

Heuschrecken verwüsten ganze Landstriche

Wie das ganze Horn von Afrika leidet auch Äthiopien massiv unter der anhaltenden Dürre, in vielen Regionen sind die letzten drei Regenzeiten ausgeblieben. Dazu kommen Heuschreckenplagen, die ganze Landstriche verwüsteten, der Bürgerkrieg im Norden und nicht zuletzt der Ukraine-Krieg, der die Katastrophe auch medial überschattet. Bitter benötigte Weizenlieferungen bleiben aus, die Inflation grassiert. 7,4 Millionen Menschen im Land benötigen Nahrungsmittelhilfe.

Äthiopien: Die vergessene Katastrophe
Die verendeten Tieren notdürftig abgezogenen Felle lassen sich nicht verkaufen, also verwenden sie die Dorfbewohner als eine Art MatratzeFotograf

Normalerweise würden die Nomaden weiterziehen, aber viele sind wegen der Unterernährung zu schwach dafür. Außerdem ist die Situation in anderen Regionen nicht besser: In einem Dorf, eine Autostunde weiter, musste man schon zehn Menschen begraben – es gab einfach nicht genug Essen. Die Verzweiflung ist in der Stimme des fast 80-jährigen Dorfältesten Toti zu hören: “Eine solche Dürre habe ich noch nie erlebt.” Alle drei Monate kommt zwar eine Lieferung mit Lebensmitteln, doch das reicht nicht aus.

Äthiopien: Die vergessene Katastrophe
In der Region Borana gibt es kaum Treibstoff. Vor den wenigen geöffneten Tankstellen warten Hunderte Motorradlenker – oft über einen Tag lang – auf eine Fünf-Liter-Ration SpritFotograf

Für immer mehr Äthiopier werden Grundnahrungsmittel unleistbar. Benzin wird knapp. In der Region Borana sind fast alle Tankstellen geschlossen. Vor einer der wenigen geöffneten warten Hunderte Motorradlenker. Wer nach mehr als eintägiger Wartezeit an die Reihe kommt, erhält eine Fünf-Liter-Ration. Ein Auto kann sich hier niemand leisten, fast alles wird mit den Zweirädern transportiert, nicht selten sitzen vier, fünf Personen auf einer Maschine.

Äthiopien: Die vergessene Katastrophe
Diese Kinder haben Glück. Ein Teich in der Nähe des Dorfes speichert Wasser aus dem Gebirge, von dem das Vieh getränkt wird. Durch ein Cash-for-Work-Programm können sich die Bewohner Nahrungsmittel und die nötigsten Medikamente leistenFotograf

Angesichts der sich zuspitzenden Lage, mahnt die Caritas, die Katastrophe trotz Teuerungswelle und Ukraine-Krieg nicht zu ignorieren: “Hunger ist ein Skandal, der leise geschieht, den wir gerne überhören und wegleugnen”, so Caritas-Wien-Chef Klaus Schwertner nach einem Lokalaugenschein in den betroffenen Gebieten. Von der österreichischen Politik fordert er ein klares Bekenntnis zu nachhaltiger und planbarer Entwicklungszusammenarbeit und das konsequente Einhalten der bereits versprochen Gelder für die Entwicklungshilfe.

Spendeninformation

Informationen zu Hilfsprojekten der Caritas finden Sie hier.

Die Bankverbindung für Spenden lautet:
IBAN: AT23 2011 1000 0123 4560
Kennwort: Hungerhilfe