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Italien: Trinkwasser droht knapp zu werden

03.07.2022 • 15:09 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mit Hilfe von oben ist nicht zu rechnen: Ausreichender Regen ist in weiter Ferne. Der Durst rückt näher, bei bis zu 45 Grad Hitze
Mit Hilfe von oben ist nicht zu rechnen: Ausreichender Regen ist in weiter Ferne. Der Durst rückt näher, bei bis zu 45 Grad Hitze (c) AP (Luca Bruno)

Italiens Flüsse führen um 80 Prozent weniger Wasser.

Die Bilder des wegen seit Monaten fehlender Niederschläge ausgetrockneten Flussbetts des Pos kennen die Männer, die sich am glühend heißen Nachmittag ins Innere einer Locanda an der Hauptstraße von Taglio di Po zurückgezogen haben, um Karten zu spielen – und um zu debattieren. Derzeit nicht nur über Politik. An ein Naturgesetz, mit dem jetzt immer mehr Menschen entlang des Pos leben müssen, hat man sich in der tiefstgelegenen Gemeinde Italiens, direkt am Podelta im Süden des Veneto allerdings gewöhnt: „Bei uns führt der Po immer Wasser“, sagt der Wirt, „jetzt ist es Salzwasser.“

Gefährliches Salz

Das Meer verschafft sich dort Zugang zum Po. Damit hat man sich arrangiert. In Taglio di Po macht es derzeit aber nicht Halt. Mehr als 30 Kilometer weit hat es sich ins Landesinnere vorgefressen. Ein gefährlicher Rekord. „Alarmstufe Rot“ vermeldet das „Osservatorio“, das die Lage am Po ständig beobachtet. „Es ist eine Situation, die sich auf das Ökosystem auswirkt und in der Folge auf die Landwirtschaft“, erklären Stefano Calderoni, Präsident eines Konsortiums, das die Bewirtschaftbarkeit der Poebene zum Ziel hat, und Anna Gavioli, Biologin des Regionalparks Delta del Po. Kritisch werde es, wo der Fluss zur Bewässerung der Felder dient. Das Salzwasser würde die Pflanzen verbrennen.

Die Folgen der Dürre für die Landwirtschaft sind enorm. Mit drei Milliarden Euro Schaden rechnet die landwirtschaftliche Dachorganisation Coldiretti. 28 Prozent des nationalen Territoriums drohe die „desertificazione“, die Verödung, sagen Experten laut „Corriere della Sera“.

Vorzeitige Dürre

Überall sind Landwirte jetzt dabei, ihre Felder zu bewässern. „Sonst tun wir das Ende Juli und im August“, erzählt ein Bauer in Bellocchio, der sein Maisfeld stundenlang gießt. Wiesen und Felder rundum sind verdorrt.
Und Wasser wird immer knapper. In weiten Teilen Italiens wird es schon rationiert. Bei bis zu 500 Euro Strafe. Italienische Medien berichten über „Wasserdiebstähle“. Landwirtschaftsminister Stefano Patuanelli spricht von der Gefahr von „Wasserkriegen“. Luca Zaia, Präsident der Region Veneto, bat Südtirol um nassen Nachschub, Attilio Fontana, Präsident der Lombardei, ersuchte die Schweiz um Hilfe.

Bangen um Trinkwasser

Knapp wird allmählich sogar das Trinkwasser. Auch, weil laut staatlicher Statistik landesweit wegen unzureichender Instandhaltung 42 Prozent des Wassers auf dem Weg zu den Wasserhähnen verloren gehen. „Nudelsieb-Wasserrohre“ nennt es der „Corriere della Sera“.
In Rovigo kauft eine Frau Trinkwasser an einem Automaten in der Altstadt. „Man muss sich rechtzeitig eindecken, falls es ausgeht“, sagt sie. In den Supermärkten ist Wasser so gefragt wie WC-Papier in Österreich am Anfang der Covid-19-Pandemie.

Nächster Notstand

Apropos: Erst Ende März ist in Italien der coronabedingte Notstand („Stato di Emergenza) ausgelaufen. Jetzt arbeitet Massimiliano Fedriga, Präsident von Friaul-Julisch Venetien und Vorsitzender der Regionskonferenz, wegen der Dürre mit Ministerpräsident Mario Draghi an der Verhängung eines Notstands. Mithilfe von oben ist nicht zu rechnen: Ausreichender Regen ist in weiter Ferne. Der Durst rückt näher bei bis zu 45 Grad Hitze.