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Musk lässt Übernahme von Twitter platzen

10.07.2022 • 15:41 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Elon Musk
Elon Musk (c) APA/AFP/OLIVIER DOULIERY (OLIVIER DOULIERY)

Er bricht Verhandlungen ab. Die Aktie geht auf Talfahrt, Rechtsstreit droht.

Es hatte sich in den vergangenen Wochen und Tagen angedeutet, jetzt ist es fix: Tesla-Chef Elon Musk hat seinen milliardenschweren Übernahmeversuch von Twitter für beendet erklärt. Das geht aus einer am Freitag veröffentlichten Mitteilung bei der US-Börsenaufsicht SEC hervor. Der Kurznachrichtendienst habe mehrere Punkte der Übernahme-Vereinbarung gebrochen, erklärte Musk dann am späten Freitagabend. Er verwies dabei auf den seit Wochen anhaltenden Streit darüber, wie groß der Anteil gefälschter Nutzerkonten sei.

Es gebe “Grund zu der Annahme, dass die tatsächliche Zahl der gefälschten oder Spam-Accounts auf der Twitter-Plattform höher ist als die Zahl von weniger als fünf Prozent”, die der Dienst angegeben hatte. Eine Stellungnahme von Twitter lag zunächst nicht vor. Dessen Aktie fiel angesichts der Mitteilung im nachbörslichen Handel um 7,5 Prozent auf 34,05 Dollar.

Strafe von einer Milliarde Dollar bei Rücktritt?

Doch so einfach dürfte Musk nicht aus dem Schneider sein – es droht ein langwieriger Rechtsstreit. Er und Twitter haben eine Strafe von einer Milliarde Dollar vereinbart, falls eine Partei vom Deal zurücktritt. Doch wenn Twitter auf Vollzug pocht, dürfte es für Musk rechtlich trotzdem schwierig werden. Das Unternehmen hatte wiederholt betont, dass es den Deal durchsetzen wolle. Twitter zeigte sich entschlossen, Musk nicht aus dem Kaufvertrag herauszulassen. Man halte daran fest, den Verkauf zu dem mit ihm vereinbarten Preis abzuschließen und plane, dafür vor Gericht zu gehen, betonte Verwaltungsratschef Bret Taylor.

Streit um Daten über gefälschte Nutzerkonten

Ursprünglich hatte Musk 54,20 Dollar pro Aktie geboten. Das Gesamtvolumen des Vorhabens belief sich auf rund 44 Milliarden Dollar (43,22 Milliarden Euro). Allerdings hatte sich seit Wochen abgezeichnet, dass es gravierende Reibungspunkte gab. Die Zeitung “Washington Post” hatte am Donnerstag berichtet, der Deal sei ernsthaft gefährdet, weil Daten über gefälschte Nutzerkonten nach Musks Ansicht nicht verifiziert werden könnten.

Fragen rund um die Finanzierung

Musk hatte den Aktionären 54,20 Dollar pro Aktie geboten. Das wäre für sie ein guter Deal: Schon vor Musks Mitteilung am Freitag ging das Papier bei nur 36,81 Dollar aus dem US-Handel. Nach der Mitteilung sackte die Twitter-Aktie im nachbörslichen Handel um 7,5 Prozent ab. Beobachter hatten spekuliert, dass Musk angesichts der Preisdifferenz nicht mehr gewillt war, an dem ursprünglichen Gebot festzuhalten. Rund um die Finanzierung hatte es zuletzt ohnehin immer wieder Debatten gegeben. So hat Musk bereits Ende April den Plan verworfen, Kredite mit eigenen Tesla-Aktien zu besichern, wohl auch deshalb, weil der Tesla-Aktienkurs nach der einstigen Ankündigung dieses Finanzierungsmodell massiv nachgegeben hatte.

“Hort der Meinungsfreiheit”

Musk verfolgte mit Twitter hochtrabende Pläne: So hatte er u. a. angekündigt, das 16 Jahre alte Unternehmen von der Börse nehmen zu wollen. Zugleich hatte er erklärt, Twitter zu einem Hort der Meinungsfreiheit machen zu wollen und auch den verbannten früheren US-Präsidenten Donald Trump wieder auf die Plattform zu lassen. Verbraucherschützer hatten die Sorge geäußert, dass bei Twitter unter Musk zu wenig gegen Hassrede und Falschinformation getan werden könnte. Die Zahl der Twitter-Nutzer wollte Musk von zuletzt rund 229 Millionen auf eine Milliarde steigern. Die Zahl der Mitarbeiter von zuletzt rund 7500 Mitarbeiter wollte er indes reduzieren. “Im Moment übersteigen die Kosten die Einnahmen”, hatte er erklärt. Wer für das Unternehmen relevant sei, habe aber nichts zu befürchten.

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Lexikon: Das ist Twitter

Ein zwitschernder blauer Vogel ist das Symbol der 2006 gegründeten Plattform Twitter. Viel wurde auf dem Kurzbotschaftendienst seitdem hin und her gezwitschert; vor allem für Politiker, Stars und Aktivisten ist der Internetdienst mit den kurzen Beiträgen ein Tummelplatz.

Das US-Unternehmen mit seinen Kurzbotschaften – anfangs waren es 140, dann 280 Zeichen pro Nachricht – dient ihnen als Bühne und Sprachrohr.

Twitter hat mittlerweile 229 Millionen Nutzerinnen und Nutzer, über 80 Prozent davon außerhalb der USA.

Doch trotz der enormen Reichweite gelang es Twitter lange Zeit nicht, gute Geschäftszahlen vorzulegen, anders etwa als die Netzwerkriesen Facebook und TikTok.

Bis Ende 2017 machte Twitter nie Gewinn, 2018 beendete das Unternehmen erstmals ein Jahr in den schwarzen Zahlen. Vergangenes Jahr gab es einen Verlust von 221 Millionen Dollar (206 Millionen Euro).

Vor allem Politiker, Marketingexperten und Organisationen – weniger Privatleute – wussten im Laufe der Jahre immer besser, Twitter für sich zu nutzen, indem sie prägnante Botschaften so platzierten, dass sie geteilt und weiterverbreitet wurden. Twitter war lange Zeit das erklärte Sprachrohr von Ex-US-Präsident Donald Trump, der sich ungern auf Pressekonferenzen direkten Fragen aussetzte, und auch Tweets von Elon Musk konnten die ganze Finanzwelt erschüttern.

Immer wieder stand Twitter in der Kritik, Hassrede und Falschinformationen nicht ausreichend zu bekämpfen.

Ende 2013 ging Twitter an die Börse – ein Unterfangen, das Elon Musk als Eigentümer eigentlich wieder rückgängig machen wollte. Doch jetzt wurde die Übernahme wohl endgültig abgebrochen.