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EZB hebt Zinsen um 0,5 Prozent an

21.07.2022 • 14:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
EZB-Präsidentin Christine Lagarde
EZB-Präsidentin Christine Lagarde APA/AFP/POOL/DANIEL ROLAND

Die EZB hat erstmals seit elf Jahren die Zinsen angehoben. Alle drei Zinssätze der Notenbank steigen um 0,5 Prozent. Damit ist die Ära der Negativzinsen vorbei.

Die mit einer Rekordinflation konfrontierte EZB hat sich am Donnerstag zu einer deutlichen Reaktion entschlossen. Die Zinsen im Euroraum werden um 0,5 Prozent angehoben. Das betrifft nicht nur die Leitzinsen sondern auch den Refinanzierungszinssatz und den Einlagenzinssatz. Damit endet auch die Ära der Negativzinsen im Euroraum.

Die Zinswende ist eine historische Zäsur. Zuletzt hatte die EZB 2011 den Preis des Geldes verteuert. Der Euro hat vor der Entscheidungen der EZB über der Marke von 1,02 US-Dollar notiert. Am Morgen kostete die Gemeinschaftswährung 1,0220 Dollar und damit etwas mehr als am Vorabend.

Die beiden Anleihenkaufprogramme PEPP und APP sind bereits mit Juni ausgelaufen. Dennoch wird die EZB fällig werdende Anleihen bis 2024 weiterhin reinvestieren.

EZB als Nachzügler

Unter den führenden Notenbanken ist die EZB in puncto Zinswende ein Nachzügler. In den USA hat die Federal Reserve schon viel früher auf den anhaltenden Inflationsschub mit Zinserhöhungen reagiert.

Die EZB geriet durch die Rekordinflation im Euroraum jedoch unter Zugzwang, die Zinsen zu erhöhen. Damit werden dann Kredite für Konsum und Investition teurer, was die Nachfrage und damit den Preisauftrieb tendenziell dämpfen kann. Angetrieben von immer teurerer Energie im Zuge des Ukraine-Kriegs stiegen die Verbraucherpreise zuletzt um 8,6 Prozent im Euroraum. Die Europäische Zentralbank (EZB) verfehlt damit ihr Inflationsziel sehr deutlich. Sie strebt zwei Prozent als optimalen Wert für die Wirtschaft an.

Kontrolle der Marktzinsen

Zugleich zeichnet sich Insidern zufolge in der EZB eine Einigung auf ein kontrovers diskutiertes EZB-Programm ab, mit dem hoch verschuldete Staaten wie Italien bei Turbulenzen am Anleihenmarkt gestützt werden könnten. Voraussetzung dafür, dass einem Land mit diesem neuen Instrument geholfen wird, soll demnach sein, dass es sich an Vorgaben der EU-Kommission mit Blick auf Reformen und Haushaltsdisziplin hält. Die Renditen für Staatsanleihen der Euro-Länder waren im Zuge der erwarteten Zinswende der EZB stark gestiegen. Besonders kräftig legten die Renditen hoch verschuldeter Euro-Staaten wie Italien zu. Das bedeutet höhere Finanzierungskosten für diese Länder.

Experten verweisen jedoch darauf, dass die EZB in rechtlich gefährliches Fahrwasser geraten könnte, sollte beispielsweise Italien inmitten einer akuten Regierungskrise gestützt werden. Dies wäre Wasser auf die Mühlen all jener Kritiker, besonders in Deutschland, die der EZB verkappte Staatsfinanzierung vorwerfen. Gegner früherer EZB-Anleihen-Kaufprogramme waren bis vor das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gezogen. “Der EZB-Rat sollte neue Marktinterventionen nur in Betracht ziehen, wenn sie auf einer europarechtlich einwandfreien Grundlage stehen”, mahnte Marija Kolak, Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR).