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Ein Warnstreik vor der stärksten Reisewelle

27.07.2022 • 12:53 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Bodenpersonal streikt, die Lufthansa steht
Das Bodenpersonal streikt, die Lufthansa steht APA/AFP/CHRISTOF STACHE

Seit 3.45 Uhr wird gestreikt: Bei der Lufthansa kommt es zum ersten Arbeitskampf seit dem Corona-Schock. Für heute, Mittwoch, sind mehr als 1000 Flüge für 136.000 Passagiere abgesagt.

Rund 6000 Flüge hat die Lufthansa in diesem Sommer vorsorglich streichen müssen, nun kommen noch einmal mindestens mehr als 1000 dazu, wie die Fluglinie am Dienstag erklärte. Der Grund ist ausnahmsweise nicht der Personalmangel, der der Flugbranche – und zehntausenden Reisenden – in diesem Sommer große Probleme bereitet.

Die Personallücken spielen freilich eine Rolle, wenn heute, Mittwoch, ab 3:45 Uhr das Lufthansa-Bodenpersonal dem Aufruf der Gewerkschaft Verdi folgt und streikt. Das Unternehmen sagt deshalb einen Großteil seines Programms an den Drehkreuzen Frankfurt und München ab. Konkret fallen in Frankfurt 678 Flüge aus und in München 345, betroffen sind außerdem 18 Flüge der Austrian Airlines von Österreich nach Deutschland bzw. retour.

Mindestens 136.000 Reisende betroffen

Allein diese Streichorgie wirft die Pläne von – so die Lufthansa und ihre Tochter AUA – knapp 136.000 Passagieren über den Haufen. Dabei wird es nicht bleiben, betroffen sind weiters Düsseldorf, Hamburg, Berlin, Bremen, Hannover, Stuttgart und Köln. Darüber hinaus könnte es am Donnerstag (der Warnstreik endet um 6 Uhr) und Freitag zu weiteren Absagen und Verspätungen kommen. Gute Nerven im Reisegepäck sind gefragt.

Flugzeuge am Boden

Bestreikt werden laut Verdi am Mittwoch seit 3.45 Uhr verschiedene Lufthansa-Gesellschaften an den Drehkreuzen Frankfurt und München sowie in Düsseldorf, Hamburg, Berlin, Bremen, Hannover, Stuttgart und Köln. Der Ausstand soll bis Donnerstag, 6.00 Uhr, dauern.

Von Streichungen betroffene Fluggäste würden informiert und nach Möglichkeit auf alternative Flüge umgebucht, allerdings seien die verfügbaren Kapazitäten sehr begrenzt, erklärt die Lufthansa.
Passagiere ohne Umbuchung sollen indes nicht zum Flughafen kommen, dort sind nur „wenige oder gar keine“ Serviceschalter geöffnet. Der eintägige Ausstand trifft das Unternehmen mit insgesamt mehr als 105.000 Beschäftigten und 16,8 Milliarden Euro Umsatz (2021) zur empfindlichsten Zeit. In Süddeutschland (Baden-Württemberg und Bayern) beginnen am Wochenende die Ferien, erwartet wird eine der stärksten Reisewellen des Sommers.

Übrigens auch auf der Straße. Der Arbö ortet am Samstag Staustrecken quer durch Österreich und auf quasi allen wichtigen Autobahnrouten; es rollt nicht nur der Urlauberverkehr, sondern auch die Fanwelle zum Formel-1-GP bei Budapest.

Darum geht es im Tarifstreit

Die Lufthansa wird alle Hände voll zu tun haben, den Flugverkehr bis Samstag wieder „normalisiert“ zu haben. Selbst dieser Normalbetrieb hält für Flugreisende derzeit eine Reihe böser Überraschungen parat. Allzu viele schreckt das aber nicht ab. Als am vorigen Wochenende drei deutsche Bundesländer in die Ferien starteten, zählte Frankfurt pro Tag rund 200.000 Reisewillige – zum Allzeithoch mit 241.000 Passagieren (Juni 2019) fehlt nicht mehr viel.

Dabei sind Kunden der Lufthansa Streiks gewohnt – aus der Zeit vor der Pandemie. Auch da führte der Weg zur Tarifeinigung oftmals über den Arbeitskampf. Michael Niggemann, Personalvorstand des Kranichs, zeigt freilich kein Verständnis: „Die frühe Eskalation nach nur zwei Verhandlungstagen in einer bislang konstruktiv verlaufenden Tarifrunde richtet enorme Schäden an“, wird der Manager in einer Aussendung zitiert. Kritik auch von Passagieren kommentierte ein Sprecher der Gewerkschaft Verdi trocken: „Streik ist ein legitimes Mittel der Tarifverhandlungen. Wenn wir am Wochenende gestreikt hätten, wäre es noch schlimmer gewesen.“

Die Gewerkschaft fordert bei zwölf Monaten Laufzeit 9,5 Prozent mehr Geld in den Lohntabellen, mindestens 350 Euro. Die Lufthansa beziffert ihr Angebot mit zehn Prozent Plus in den Vergütungsgruppen bis 3000 Euro und mit sechs Prozent bei 6500 Euro Grundgehalt. Verdi-Verhandlungsleiterin Christine Behle bezeichnete die Beispiele aber als „schöngerechnet“. Zum Warnstreik aufgerufen sind 20.000 Bedienstete am Boden, darunter fallen Mitarbeiter am Schalter, Flugzeugtechniker oder die Fahrer der Schlepper, die Flugzeuge auf ihre Positionen schieben.