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Sorge um den Ausverkauf von Italiens Stränden

30.07.2022 • 14:10 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Sorge um den Ausverkauf von Italiens Stränden

Bisher wurden die Strandkonzessionen “vererbt”. Künftig müssen sie öffentlich ausgeschrieben werden. Vielen familiengeführten Badeanstalten könnte das Aus drohen.

Man kennt das Bild: Liege um Liege, Sonnenschirm um Sonnenschirm reihen sich an den italienischen Mittelmeerstränden aneinander. Farblich unterteilt in Abschnitte, die jeweils von einem anderen Inhaber betrieben werden. 29.000 solcher sogenannten „stabilimenti balneari“ (Badebetriebe), die bis zu 300.000 Personen beschäftigen, gibt es in Italien. Mit dem Vermieten der Schirme und Liegen verdienen die Betreiber zum Teil ein kleines Vermögen. Rund 15 Milliarden Euro Umsatz, so wurde errechnet, verbuchen die Bezahlstrände pro Jahr.

An dieser Praxis soll sich jetzt gewaltig etwas ändern. Ab dem 31. Dezember 2023 müssen staatliche Strandkonzessionen laut einer EU-Verordnung öffentlich ausgeschrieben werden. Die Regelung soll “Transparenz” ermöglichen, wie sie bisher nicht stattgefunden hat. Denn es heißt, dass bisher nicht selten Korruption und Vetternwirtschaft bei der Vergabe eine Rolle gespielt haben.

Nach Ansicht von Branchenvertretern könnte die Verordnung jedoch nichts Geringeres als das Ende der vielen von Familien geführten Strandbars und -restaurants bedeuten. Große internationale Tour-Operatoren oder Finanzinvestoren könnten sie verdrängen. Die Sache ist auch im nahen Adriastrand Grado ein Thema. Der zwei Kilometer lange Hauptstrand mit 4000 Sonnenschirmen wird dort von der GIT (Grado Impianti Turistici) verwaltet, die unter der Führung von Roberto Marin steht und indirekt der Landesregierung Friaul-Julisch-Venetien gehört.

Bisher werden die Konzessionen automatisch verlängert. Das will die EU aufgrund der bereits 2006 erlassenen, so genannten Bolkenstein-Wettbewerbsregel nun ändern. Die Regel liberalisiert öffentliche Dienstleistungen und öffnet sie für private Anbieter. Bislang hat es allerdings kein Politiker in Italien gewagt, diese Richtlinie auf die Bezahlstrände anzuwenden.

Frits Bolkenstein

Die Bolkeinstein-Richtlinie ist eine EU-Richtlinie zur Verwirklichung des Europäischen Binnenmarkts im Bereich der Dienstleistungen. Sie geht auf den früheren EU-Binnenmarktkommissar, den Niederländer Frits Bolkestein zurück.

2006 erlassen, hat die Richtilinie von Anfang an  Globalisierungskritiker auf den Plan gerufen.

Konzessionen, die bereits im Einklang mit den EU-Vorschriften erteilt wurden, bleiben bis zu ihrem Ablaufdatum, also auch über das Jahr 2023 hinaus, gültig. Die anderen müssen neu ausgeschrieben werden, wogegen sich die Betreiber der familiengeführten Badeanlagen heftig wehren. Manche sprechen von “Enteignung”.

Immer wieder gelangten Anlagen auch in die Hände der lokalen Mafia. Allein in den vergangenen Jahren wurden in Italien mehr als 100 Stabilimenti wegen Infiltration durch die organisierte Kriminalität beschlagnahmt. Außerdem bringt die Inflation und die fehlenden Regulierungen eine rasante Teuerung für Eintritt und Sonnenliegen mit sich, die für viele Einheimische nicht mehr tragbar ist. Für Monatsabos in den Strandanlagen liegen die Preise zwischen 500 und 700 Euro. Ein Tageseintritt: rund 15 bis 20 Euro – und für Liegen und Schirme müssen die Kunden oft noch extra bezahlen. Das würde sich mit dem neuen Gesetz ändern, denn auch für Liegen und Schirme gäbe es dann eine Preisdeckelung.

Vorübergehende Badeverbote

Als wären die Sorgen um die Ausschreibung der Konzessionen und die allgemein vorherrschende Trockenheit in Italien nicht groß genug, schwimmen auch noch vermehrt Fäkal-Bakterien in der Adria. An 22 Strandabschnitten der Region Emilia-Romagna musste am Donnerstag vorübergehend ein Badeverbot verhängt werden. Heftige Regenfälle zu Wochenbeginn sollen dafür verantwortlich gewesen sein, dass Abwasser ins Meer gelangte. Die Folge waren erhöhte Werte von E-coli-Bakterien und des Erregers Enterococcus in den Gewässern. An den stark frequentierten Stränden zwischen der Gemeinde Goro und Cattolica mussten die Badegäste mit dem Strand vorlieb nehmen. Besonders betroffen waren Abschnitte rund um den Tourismus-Hotspot Rimini.

Nach Regenfällen kommt es immer wieder vor, dass in Strandnähe erhöhte Werte von E-coli-Bakterien festgestellt werden, da Abwässer ins Meer gelangen. Der weltweit verbreitete Darmkeim kann unter anderem Durchfall und Blutvergiftungen hervorrufen. Das Verbot wurde von den regionalen Gesundheitsbehörden verhängt, die die Meeresgewässer entlang der Küste der Region Emilia Romagna stichprobenartig untersuchten.

Bangen um Geschäft in der Hauptsaison

Die Betreiber der vom Badeverbot betroffenen Badeanstalten bangten um ihr Geschäft mitten in der Hauptsaison. Nur wenige Strandurlauber hielten sich am Freitag noch an das Badeverbot. Die hohen Temperaturen veranlassten viele, dennoch ins Wasser zu gehen.
Seit gestern Nachmittag ist das den Behörden zufolge auch wieder gefahrlos möglich. Nachdem die Grenzwerte für das Bakterium an allen kontrollierten Stränden wieder unterschritten wurden, konnte das Badeverbot aufgehoben werden.