International

Anspannung nach Attentat auf Vizepräsidentin

03.09.2022 • 14:14 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Cristina Fernández de Kirchner
Cristina Fernández de Kirchner (c) APA/AFP/LUIS ROBAYO

Eine Pistole, geladen mit fünf Kugeln – doch ein Schuss löste sich nicht: Nur dank eines technischen Gebrechens ist Cristina Fernández de Kirchner, Argentiniens Vizepräsidentin, noch am Leben.

Der Vorfall ereignete sich am Donnerstagabend. Argentiniens Vizepräsidentin, Cristina Fernández de Kirchner (CFK), trifft bei ihrem Haus im Nobelviertel Recoleta ein. Dort wird sie bereits von einer Menschentraube erwartet.

Warum? Hintergrund sind schwere Vorwürfe in Sachen Korruption gegen die peronistische Politikerin. Der Prozess ist zwar im Gange, aber er zieht sich – und die Bevölkerung verliert zusehends die Geduld. Das Empfangskomitee bei ihrem Wohnhaus ist ihr aber (eigentlich) wohlgesonnen. Schon seit Tagen campieren dort Anhänger der früheren Präsidentin. Sie glauben an Kirchners Unschuld, sind gegen die strafrechtliche Verfolgung ihrer Person.

Unter ihnen war diesmal aber auch der 35-jährige Brasilianer Fernando Sabag Montiel, der seit 1993 in Argentinien lebt. Er ist es, der plötzlich eine Waffe zieht, sie auf den Kopf Kirchners richtet und: abdrückt. Seitdem knistert die Luft in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires.

Attentat als Teil einer Inszenierung?

Ein technischer Fehler der Pistole verhinderte den Mord an der Vizepräsidentin. Was der Attentäter aber sehr wohl abgefeuert hat, ist sozialer Zündstoff. “Maximale Anspannung” titelt die meistgelesene argentinische Tageszeitung “Clarín”. Der argentinische Präsident Alberto Ángel Fernández, ebenfalls Mitglied der Peronistischen Partei, sprach vom schwerwiegendsten politischen Vorfall seit dem Ende der Militärdiktatur 1983, nach dem verlorenen Krieg um die Falklandinseln gegen das Vereinigte Königreich. Noch in der Nacht des Vorfalles gibt er für den kommenden Tag arbeitsfrei: “Ich habe beschlossen, den morgigen Tag zu einem Gedenktag zu erklären, damit sich das argentinische Volk in Frieden und Harmonie zur Verteidigung des Lebens, der Demokratie und der Solidarität mit unserer Vizepräsidentin äußern kann.”

Die Solidaritätsbekundungen mit Kirchner in ebenjenem Volk sind aber enden wollend. “Ich kann es nicht glauben, dass es Leute gibt, die sich mit CFK solidarisch zeigen”, sagt eine Studentin gegenüber der Kleinen Zeitung. Sie glaubt, dass das Attentat inszeniert war: “Das war die schlechteste schauspielerische Leistung, die ich je gesehen habe!” Und wenn überhaupt, fährt sie fort, würde es sie keineswegs traurig machen, dass man versuche, so eine Person zu töten. “Sie ist für so viele Tote, Armut und Fahrlässigkeit gegenüber den Bürgern in Argentinien verantwortlich.” Es wäre der größte Gefallen an der Republik, wenn sie weg wäre, “und im Gefängnis verrottet”.

“Alle in Argentinien wollen sie am liebsten tot sehen”, pflichtet ihr ein Mitte 20-jähriger Passant auf der Straße bei. Er wünscht sich, die Pistole hätte ausgelöst und adressiert den Attentäter: “Du hattest nur einen Job.” Das Paradoxon: Die Spaltung der argentinischen Bevölkerung hinsichtlich ihrer politischen Führung offenbart sich just zwei Häuserblocks weiter. An einer Hauswand erblickt man hier ein frisches Graffiti. “Alle mit Cristina”, steht dort auf Spanisch in Großbuchstaben.

Im Herzen von Buenos Aires, am Gründungsplatz der Stadt, am “Plaza de Mayo”, versammelten sich massenhaft Anhänger des Peronismus, um den Angriff auf die Vizepräsidentin zu verurteilen. Zuvor folgten Kolonnen von Demonstranten aus dem Ballungsraum von Buenos Aires dem Ruf der Peronistischen Partei, gegen das Attentat zu demonstrieren. Auch in den größten anderen Städten im Landesinneren gab es riesige Aufmärsche.

Papst schreibt Telegram-Nachricht

Ebenfalls Teil dieser Bevölkerung ist der aus Argentinien stammende Papst Franziskus. Der 85-Jährige schickte Kirchner nach dem Attentat zuerst eine Telegram-Nachricht und meldete sich später auch noch telefonisch. Laut der Tageszeitung “La Nación” hatte der Heilige Vater einen kurzen und herzlichen Kontakt mit der Vizepräsidentin. In seiner Nachricht sagte Franziskus, er bete dafür, dass in seinem geliebten Argentinien immer soziale Harmonie und die Achtung der demokratischen Werte herrschen möge.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.