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„Das erinnert mehr an Kindergarten“

Interview. Der Wien-Korrespondent für den deutschen „Spiegel“, Hasnain Kazim, kann nicht nachvollziehen, warum die Österreicher so viel raunzen. Der schmutzige Wahlkampf der letzten Wochen hat aber auch ihm nicht geschmeckt. Von Christina Traar

Sie waren als Korrespondent in Islamabad, Pakistan und in der Türkei, vor fast zwei Jahren sind Sie nach Wien gewechselt. Haben Sie sich nach Ruhe gesehnt?

HASNAIN KAZIM: Ich wurde gezwungen, die Türkei zu verlassen, weil mir dort die Verlängerung meiner Akkreditierung verweigert wurde. Wir haben uns dann für Wien entschieden, weil meine Familie und ich einen ruhigeren Standort im deutschsprachigen Raum wollten und nur Gutes über die Stadt gehört hatten. Wir kannten Wien kaum, haben also quasi die Katze im Sack gekauft. Aber wir sind sehr gerne hier.

Seit Sie im März 2016 angekommen sind, haben Kanzler und ÖVP-Chef gewechselt, wir haben drei Mal einen Bundespräsidenten gewählt und die heutige Neuwahl wurde ausgerufen. Haben Sie sich die Arbeit in Österreich entspannter vorgestellt?

Im Vergleich zu heute war es am Anfang tatsächlich fast langweilig. Für mich als Journalist sind diese Entwicklungen natürlich besonders spannend, ich schaue staunend auf die Geschehnisse der letzten Wochen. So wie Pakistan und die Türkei für mich fremde Länder waren, so ist es auch Österreich. Ich entdecke hier sehr viele Parallelen, aber auch Unterschiede.

Was ist der größte Unterschied zu jenen Ländern, in denen Sie zuvor waren?

Der größte Unterschied ist, dass Österreich ein funktionierendes Land ist, in dem man sich auf staatliche Strukturen verlassen kann. Es ist, genau wie Deutschland, ein Sozialstaat – niemand wird allein gelassen. Auch jenen, die wenig haben, geht es verhältnismäßig gut. Das ist, glaube ich, etwas, das wir viel zu oft vergessen. Wie gut es uns geht und in was für einem sicheren Umfeld wir leben. Und auch, wenn viel und oft zu Recht über Politiker geschimpft wird, ist das auch eine Leistung der Politik. Das sollten wir anerkennen. Mich wundert, wenn man das nicht sieht.

Hat sich das Klischee des schimpfenden Österreichers also für Sie bestätigt?

In jedem Klischee steckt ein Körnchen Wahrheit. So pauschal würde ich das nicht sagen, ich wundere mich aber manchmal wirklich, warum hier so viel gemeckert wird. Ich kenne kein Land, in dem es so wenig Grund für schlechte Laune gibt, wie in Österreich. Ich verstehe auch, dass man sich nicht mit Ländern wie Bangladesch vergleicht, sondern mit dem, was hier vor 15 Jahren war. Aber den Österreichern geht es noch immer sehr, sehr gut. Einem Deutschen würde ich einen Österreicher schon als jemanden beschreiben, der etwas gemütlicher ist und das Leben besser zu genießen weiß.

Der Genuss dieses Wahlkampfes fiel schwer. Haben uns die Turbulenzen der letzten Wochen relevanter für den deutschen Nachrichtenmarkt gemacht?

Österreich war schon immer relevant für Deutschland, weil unsere Medien natürlich auch hier gelesen werden. Ich würde also nicht sagen, dass das Land dadurch relevanter geworden ist. Was aber stimmt, ist, dass Österreich Deutschland manche Entwicklungen voraushat. Hier könnte die FPÖ in der nächsten Regierung sitzen, während uns mit der AfD, die ja erstmals im Parlament ist, noch die Erfahrung und der Umgang fehlt. Auch deshalb schaut man aktuell sehr genau nach Österreich.

Vor einer Koalition mit der FPÖ wird, mit Verweis auf die 2000er-Jahre, oft gewarnt. Wäre Europa heute so empört wie damals?

Ich befürchte, dass der Aufschrei und die Kritik, die ich für durchaus berechtigt halte, ausbleiben würden. Aus dem einfachen Grund, dass ganz Europa nach rechts gerückt ist. Wir haben rechtspopulistische Bewegungen in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden, außerdem in Osteuropa. Man nimmt sie heute als normal hin. Dass sie sich demokratischen Wahlen stellen, ist in Ordnung. Ich fürchte mich aber davor, dass Rassismus, Menschenfeindlichkeit und Ausgrenzung wieder salonfähig werden könnten. Das ist heute so kritikwürdig wie im Jahr 2000.

Ihre Geschichte über den schmutzigen österreichischen Wahlkampf trug den Titel „Intrigantenstadl Österreich“. Lacht das Ausland über uns?

Ich weiß nicht, ob das Ausland lacht, aber es schaut zu Recht kritisch nach Österreich. Ich finde es schon bemerkenswert, wie stark Seilschaften hier eine Rolle spielen und mit welchen zweifelhaften Mitteln in diesem Land Wahlkampf gemacht wird. Wie man versucht, Leute schlecht dastehen zu lassen, zuletzt über das Internet, erinnert ja eigentlich mehr an Kindergarten.

Was hat Sie am Wahlkampf noch überrascht? Der Ton?

Ja, es hat mich schon sehr überrascht, mit welcher Härte, ja schon Niedertracht hier über die jeweils anderen politischen Bewerber hergezogen wurde. Aber der Ton ließ ja auch schon in den Diskussionen im Vorfeld der Bundespräsidentschaftswahl zu wünschen übrig. Ich glaube auch, dass diese Art der Diskussion kontraproduktiv ist. Denn diese Hahnenkämpfe sind aus meiner Sicht ein wesentlicher Grund dafür, dass die Menschen sich von der Politik abwenden.

Der Ton im einzigen TV-Duell zur Bundestagswahl fiel deutlich freundlicher aus. Hierzulande standen mehr als 80 TV-Termine am Programm. Zu viel?

Hier war es viel zu viel und in Deutschland war es viel zu wenig. Das ständige Konsensgetue der Großen Koalition hat die Deutschen genervt. Aber in Österreich waren die Voraussetzungen natürlich ganz andere, hier ist die Koalition zerbrochen. Ich finde Streit gut, man sollte ihn austragen. Das gehört in der Politik und in einer Demokratie dazu. Aber in Österreich war es zu viel und ehrlich gesagt auch oft niveaulos.

Sie haben selbst politische Erfahrung. Sie sind mit 23 für die FDP bei den Landtagswahlen in Niedersachsen an- und nach der Wahl aus der Partei ausgetreten. Was hat Sie abgeschreckt?

Gar nichts. Ich wollte immer politischer Journalist werden, deshalb hat mir mein Lehrer in der Schule geraten, in eine kleine Partei zu gehen und mich dort für eine Wahl aufstellen zu lassen. Nur so könne ich den Wahlkampf als Kandidat selbst miterleben. Das habe ich dann auch gemacht, ich wurde aufgestellt und habe gelernt, wie man Spenden sammelt und Politik richtig verkauft. Nach der Wahl bin ich, wie von Beginn an angekündigt, wieder aus der Partei ausgetreten.

In Ihrem Buch erläutern Sie, wie es mit der Demokratie in der Türkei zu Ende geht. Sehen Sie diese Gefahr auch für Österreich?

Nein. Die demokratischen Reflexe funktionieren in Österreich, noch mache ich mir aktuell keine Sorgen.

Wie können, wie müssen wir unsere Demokratie verteidigen?

Ich glaube, dass es wichtig ist, seine Stimme gegen undemokratische und ausgrenzende Politik zu erheben. In dem Moment, in dem wir das nicht tun, geben wir auf. Ich finde es außerdem sehr wichtig, dass man sich über qualitativ gute Medien informiert. Und das sage ich nicht nur als Journalist. Wir Medien sind durch die schiere Lautstärke der Rechten, die uns „Lügenpresse“ schimpfen, in Verruf geraten. Klar, auch wir machen Fehler, aber eine freie und gute Presse ist einer der wichtigsten Eckpfeiler einer funktionierenden Demokratie.

Auch den Medien wurden in diesem Wahlkampf Schmutzkübelaktionen vorgeworfen. Eine Gefahr für die Pressefreiheit?

Freiheiten können einem sehr schnell genommen werden. Das habe ich in meiner Zeit in Pakistan, vor allem aber in der Türkei erlebt. Ich würde diese Gefahr weder in Deutschland noch in Österreich ausschließen. Man muss ständig wachsam sein.

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