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„Kultiviertmit Hassumgehen“

Reinhard Haller über den Hass, der sich aufstaut, bis der Damm bricht, über mögliche positive Seiten von Hasspostings und Shitstorms und warum Trump gewählt wurde und am Ende doch stürzen wird. Von Alfred Lobnik

Herr Haller, wo man hinschaut, bricht sich der Hass seine Bahn. Leben wir in einer besonders hasserfüllten Zeit?

REINHARD HALLER: Ich glaube nicht, dass das viel anders ist als früher, aber früher ist der Hass besser kanalisiert worden. Man hat mehr körperlich arbeiten müssen und dadurch mehr aggressives Potenzial umgesetzt. Heute haben wir einen Stau von Aggressionen, der dann durch Gewalttaten zum Ausbruch kommt. Das ist so, wie wenn sich ein Staubecken füllt. Dann sind es oft geringfügige Anlässe, und die Staumauer bricht.

Jeder von uns kennt das Gefühl, wenn etwas den eigenen Vorstellungen zuwiderläuft und man Hassgefühle entwickelt, aber was muss da in einem Menschen vorgehen, dass es zu Gewalttaten kommt?

Meines Erachtens ist die Grundvoraussetzung, dass das Aggressionspotenzial nicht adäquat abgeleitet wird. Die meisten Menschen können das aber, sie haben Möglichkeiten, diesen Stau zu verhindern und das Ganze in einer sozial verträglichen Form umzusetzen.

Und wer sind die, die das nicht können?

Letztlich sind das Menschen, die eher kränkbar sind und es nach außen hin nicht zeigen, die verhalten wirken und damit die Grundvoraussetzung für diesen Aggressionsstau liefern. Und es sind Menschen, die von ihrer Persönlichkeit her sehr impulsiv und nicht in der Lage sind, eine Kontrolle ihrer Impulse einzuschalten. Das ist manchmal eben auch Teil der Persönlichkeitsstörung, etwa der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung.

Vor der Bluttat in Stiwoll gab es über Jahre oder Jahrzehnte Konflikte und Auseinandersetzungen, diese reichten aber offenbar nicht aus, um dieses Ausmaß an Hass abzubauen …

Ich kenne diesen Fall nur aus den Medien. Aber ich habe gelesen, der Gesuchte sei wiederholt für unzurechnungsfähig erklärt worden. Ich nehme also an, dass er psychisch krank ist. Natürlich gibt es manchmal Aggressionshandlungen, wenn Menschen unter einer wahnhaften Störung leiden, Verfolgungswahn beispielsweise. Das ist die Gefahr von psychischen Krankheiten: wahnhaftes Empfinden, wo man sich dann gegen vermeintliche Verfolgungen, Beleidigungen und Kränkungen zur Wehr setzt. Ein paranoid agierender Mensch eckt bei seinen Nachbarn natürlich an, wobei man oft nicht erkennt, dass es sich um einen psychisch Kranken handelt. Wahnhafte Störungen sind schwer zu erkennen. Nachbarschaftskonflikte sind generell etwas sehr Häufiges, in der Regel hält es sich halt doch in einem bestimmten Rahmen. Sehr oft führt es auch zu Anzeigen und manchmal kommt es zu diesen Eskalationen. In diesem Fall geht es wohl um einen psychisch Kranken.

Fokussiert sich dieser ausbrechende Hass dann auf ein bestimmtes Gegenüber oder kann der auch ungerichtet sein?

Beides. Oft sind das querulatorische Menschen, die kränkbar sind, Gerechtigkeitsnarzissten, wenn man so will. Sie sagen: Meine Meinung ist die einzig richtige, mein Gerechtigkeitsgefühl das einzig Entscheidende. Das ist verletzt worden und das lasse ich mir nicht gefallen. Und dann bringen sie oft tausend Klagen und Anzeigen ein. Querulanten sind bei Gericht eine überproportional vertretene Klientengruppe. Sie wollen sich das Recht, sich zu wehren, von niemandem nehmen lassen, auch nicht vom Gesetz. Und sie greifen zur Privatrache. Ihre eigene Gerechtigkeitseinteilung ist ihnen wichtiger als die gesellschaftliche Einordnung oder die Angst vor dem Gesetz und rechtlichen Folgen.

Es gibt auch das Massenphänomen von Hasspostings im Internet. Fallen die Schranken und äußert sich Hass leichter als früher?

Ich sehe darin eine andere Form, wie man mit Aggressionen umgeht. Da ist das Internet natürlich ideal: Erstens ist es eine virtualisierte Form, es geht nicht mehr um Messer und Blut. Natürlich ist das verbal sehr gehässig und bringt zum Ausdruck, wie viel Hass in der Gesellschaft und im Menschen steckt, dann aber in einer relativ ungefährlichen Form abgeleitet wird. Man entwickelt große Breitenwirkung, kann in die ganze Welt hinausschreien, welche Wut man in sich hat, und dabei anonym bleiben. Das ist letztlich das Agitieren eines gehemmt aggressiven Menschen, eines Feiglings, der sich nicht traut, öffentlich zu seiner Person und seiner Meinung zu stehen, aber trotzdem seine Wut hinausbringt.

Hasspostings haben also womöglich auch eine positive Seite?

Sie merken es, ich bin durchaus ambivalent gegenüber dem Internet. Auf der einen Seite glaube ich, dass man keinen rechtsfreien Raum schaffen darf. Andererseits: Psychohygienisch ist es eine „relativ gesunde“ oder doch zumindest weniger folgenschwere Form des Hassabbaues als es direkte Tätlichkeiten oder gar Krieg wären.

Ein kleineres Übel?

Es ist ein Trost für alle, die in einen Shitstorm geraten, dass das Ganze wahrscheinlich psychohygienisch gesehen Verletzungen, Todesfälle und das Fließen von Blut verhindert.

Ist Selbsthass die Voraussetzung für Hass?

Ja, Hass ist immer der Ausdruck eines sehr mangelnden Selbstwertgefühls und von extremer Verletzlichkeit. Ursachen sind in der Regel Kränkungen, die dann psychodynamisch wieder als Angst vor Liebesentzug und mangelnder Wertschätzung erlebt werden. Die zweite Ursache ist Neid. Es gibt konstruktiven Neid: Ich möchte gleich gut sein wie der und gleich viel verdienen. Aber es gibt eben auch destruktiven Neid: Was, dem geht es so gut? Den werde ich herunterholen. Ich meine, dass das ungefähr immer gleich ist über Zeiten und Kulturen hinweg, aber eben nach Möglichkeiten und Gesetzen anders ausgelegt wird.

Negativer gesagt: Man kann den Hass auch nie besiegen?

Ganz so pessimistisch möchte ich es nicht ausgedrückt haben. Ich meine, die Weiterentwicklung der Menschheit besteht gerade darin, dass man lernt, mit primitiven Aggressionen wie Hass, Neid usw. in einer kultivierteren Form umzugehen. Man kann seinen Hass und seine Wut in kulturelle Leistungen einbringen. Man kann Dramen schreiben, seine Gefühle in Stein meißeln oder herrliche Bildwerke schaffen. Das ist psychologisch etwas Ähnliches, aber etwas sehr Erwünschtes.

Nur sehen wir seltener, wie Hass in Stein gemeißelt, und öfter, wie er mit 140 Zeichen etwa vom US-Präsidenten auf Twitter gehämmert wird. Schürt das nicht den Hass noch weiter?

Das wissen wir nicht. Es kann schon sein, dass durch solche Vorgänge wie vorhin beschrieben viel Hass sublimiert wird. Aber der Hass steckt im Volk drinnen, das bestreite ich ja überhaupt nicht, im Gegenteil, das ist meine These.

Man kann ihn missbrauchen.

Ich meine trotzdem, dass es über Twitter eine harmlosere, kultiviertere Form ist, als wenn man dem anderen das Messer in den Bauch rennt. Aber wir sind bei Weitem noch nicht dort, wo wir sein sollten. Meine These, für die ich viel angefeindet wurde, ist: Herr Trump wurde nicht gewählt, obwohl er ein Narzisst ist, sondern weil er ein Narzisst ist, weil er das Narzisstische zu seinem Markenzeichen macht. Ich glaube schon, dass das eine enorme Nachahmungswirkung entfaltet hat. Es ist ein Trend, dass viele Menschen narzisstisch sein wollen, sehr egozentrisch, sehr verachtend, entwertend und hasserfüllt mit Mitmenschen umgehen wollen. Wenn einer das vorlebt und vorexerziert, ist es logisch, dass man ihn auch wählt. Und sein Agieren wird von einem Teil der Bevölkerung nach wie vor mit Sympathie verfolgt. Es ist ja nicht so, dass alle so empört sind wie wir beide. Es gibt auch seine Kernwähler, die sagen: Super, toll, wie er das macht.

Liegt die Zustimmung vielleicht auch daran, dass man ihn nicht wirklich ernst nimmt?

Ich glaube, es wäre sehr gefährlich, ihn nicht ernst zu nehmen. Ich glaube, das ist ganz, ganz wichtig. Bei all diesen bösartigen Narzissten war es so, dass man sie einfach nicht ernst genommen hat, auch wenn ich Trump jetzt nicht unzulässig mit anderen vergleichen will. Ich glaube, dass es eher Sympathie ist, eher Identifikation, eher: Der haut drauf, der macht es, wie ich es auch am liebsten machen würde. Das ist der viel entscheidendere Punkt.

Werden die Menschen irgendwann dieser Art von Politik wieder überdrüssig werden?

Ja, das ist zu hoffen. Narzissten stürzen in der Regel immer ab. Irgendwann werden sie uninteressant, langweilig. Das ist die Hoffnung, die man haben kann.

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