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„Zuhören undschweigen lernen“

Interview. Waltraud Klasnic ist seit dieser Woche auch Ansprechperson für Missbrauchsopfer des ÖSV. Im Gespräch erklärt die Opferschutzanwältin, die als erste Frau Landeshauptmann der Steiermark war, warum sie sich das antut. Von Manuela Swoboda

Seit 2010 leiten Sie die unabhängige Opferschutzanwaltschaft. Sie ist Anlaufstelle für Opfer von Missbrauch und Gewalt in Kirche und Gesellschaft in Österreich. Nun sind Sie auch Ansprechperson für Missbrauchsopfer des Österreichischen Skiverbands. Die ehemalige Rennläuferin Nicola Werdenigg übt allerdings Kritik an Ihrer Bestellung: „Fälle von sexueller Gewalt“ würden „nicht ausreichend aufgeklärt werden“, sagt sie. Sie befürchtet, dass sich „das System nicht anpatzen will“. Kränkt Sie diese Kritik?

WaLTRAUD KLASNIC: Das Wort kränken ist falsch, aber es macht mich betroffen, weil sich die Dinge wiederholen. Es war im Jahr 2010 ähnlich, als Kardinal Schönborn mich bat, Opferschutzanwältin zu werden. Aber ich denke, die Klasnic-Kommission hat in all den Jahren bewiesen, dass sie unabhängig arbeitet. Es ist aber auch verständlich, dass jemand in seiner Betroffenheit Dinge infrage stellt. Ich kenne Frau Werdenigg nicht, aber ich werde den Weg zu ihr suchen, um mit ihr ein Gespräch zu führen.

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, manche nennen ihn auch Patriarch, hat im Interview mit Armin Wolf Anfang der Woche gesagt: „Uns interessiert nicht, was vor 50 Jahren war.“ Zuckt man da nicht zusammen?

Weil ich als Opferschutzanwältin relativ viel Erfahrung habe, weiß ich, dass das Trauma oft erst 30, 40 Jahre später aufbricht. Und dann muss man sich dem Menschen zuwenden, dann muss man zuhören. Und so werde ich es auch jetzt machen. Deshalb gibt es mich ja.

Also finden Sie den Satz von Herrn Schröcksnadel verheerend.

Grundsätzlich muss ich sagen: Das sagt jemand, der sich in dem Bereich nicht auskennt. Ich weiß aber, wie es Betroffenen geht. Ich habe Hunderte Gespräche geführt, aus denen ich erfuhr, dass die Folgen von traumatischen Erlebnissen oft erst nach Jahrzehnten ausbrechen.

Werden Sie das auch dem Herrn Schröcksnadel sagen?

Wir haben Gespräche. Das wird sich also alles ergeben.

Haben sich schon viele ÖSV-Opfer gemeldet?

Niemand, der gesagt hat: Ich bin betroffen. Aber es kommen anonyme Anrufe, in denen jemand Aussagen bestätigen oder widerlegen möchte. Beide Seiten wenden sich momentan an mich. Aber die Hotline gibt es erst seit ein paar Tagen. Und die paar Tage sind noch nicht aussagekräftig.

Heben Sie immer ab?

Dieses Handy hebe ausschließlich ich ab. Und ich hebe grundsätzlich immer ab. Bin ich momentan tatsächlich verhindert, dann gibt es eine Mailbox und ich rufe zurück.

Ist es sehr anstrengend?

Jetzt ist es ein wenig anders als damals vor acht Jahren. 2010 gab es wirklich auf einmal einen Schwung Menschen, die sich an mich wendeten. Aber wenn man sich einer schwierigen Aufgabe stellt, dann muss man sie auch erfüllen.

Sie sind auch Präsidentin von Hospiz Österreich und üben alle Funktionen ehrenamtlich aus. Warum machen Sie das alles?

Ich habe einmal gesagt, ich glaube, es war zur Kleinen Zeitung: „Leben heißt, sein Herz zu verbrauchen.“

Ist da auch etwas Märtyrerhaftes dabei?

Ich bin keine Märtyrerin. Aber ich hatte in meinem Leben das Glück, dass ich sehr viel Gutes erlebt habe. Ich hatte viel Erfolg und wurde von vielen Menschen getragen und gestützt. So kann ich in dieser Form ein wenig zurückgeben.

Zur Kleinen Zeitung haben Sie 1997 gesagt: „Dienen ist die wichtigste Tugend. Geduld und Güte sind wichtig.“ Sehen Sie das heute auch noch so?

Heute würde ich sagen: Schweigen ist die schwierigste Tugend.

Warum?

Weil man schweigen erst lernen muss. Zum Schweigen gehört auch das Zuhören dazu. So gewinnt man Vertrauen.

Ist es nicht belastend, was Sie als Opferschutzanwältin zu hören bekommen?

Das schon. Das trifft. Weil es so schwierig ist, weil man über das Gehörte nicht reden will, nicht reden soll und auch nicht darf. Ich möchte im Bereich ÖSV eine kleine Gruppe aufbauen, nicht in der Größe der Klasnic-Kommission, aber doch eine Gruppe von Menschen, die mich unterstützt und mit denen auch ich sprechen kann.

Als Sie 1996 zum Landeshauptmann der Steiermark gewählt wurden, waren Sie die erste Landeschefin Österreichs. War es für Sie als Frau schwieriger?

Ich glaube, ich wurde vom Glück begleitet und durfte den richtigen Menschen begegnen. Ich hatte diesbezüglich nie Probleme. Was auch dazukommt: Ich selber wurde immer unterschätzt. Man hat in mir ja keine Gefahr gesehen, nicht gedacht, dass aus mir etwas werden könnte. Und dann ist es passiert. Man hat nicht geglaubt, dass ich meinen Weg weitergehe, dass ich mich traue und die Herausforderung anpacke. Ich sage zu Frauen heute noch: Wenn ihr gefragt werdet und ihr traut es euch ein bisserl zu, sagt Ja, denn wir Frauen können es. Wir können es auch.

Beim Grubenunglück 1998 in Lassing, bei dem zehn Bergleute starben, sagten Sie: „Der Herrgott hat entschieden, mir fehlen die Worte.“

Die fehlen mir auch heute noch.

Zweifeln Sie denn manchmal an Gott?

Nein. Weil er der Einzige ist, dem ich Verantwortung schuldig bin. Verantworten muss ich mich nur vor Gott. Sonst vor niemandem.

Sie betonen oft, niemandem etwas schuldig zu sein. Ist Ihnen das so wesentlich?

Mir ist das wichtig, weil das auch ein Zeichen von Freiheit ist. Und diese Freiheit bringt dann ja auch Unabhängigkeit mit sich, und hoffentlich auch Glaubwürdigkeit.

Sie wurden als Kind adoptiert, verdienten als Zehnjährige schon Geld, indem Sie in einem Gasthaus Brezeln verkauften und Besteck sauber machten.

Ich bin seit meinem zehnten Lebensjahr beschäftigt. Und das bin ich bis heute.

Sie haben als Kind gearbeitet, sie haben früh, mit 18, geheiratet: Viel Freiheit war da nicht, oder?

Freiheit heißt ja letztlich, in sich frei zu sein. Entscheiden zu können: Was mache ich, welchen Weg gehe ich und wen nehme ich mit? Diese Freiheit hatte ich immer.

Mussten Sie sich die Freiheit erkämpfen?

Das müssen andere auch. Aber das ist gelungen. Ich habe drei Kinder, ich habe fünf Enkelkinder und war 52 Jahre lang verheiratet. Trotzdem habe ich immer jene Freiheit bekommen, die ich gebraucht habe, um auch andere Aufgaben zu erfüllen.

Bereuen Sie manches auf Ihrem politischen Weg?

Ich hätte manches anders machen können, aber es ist geschehen. Ich habe es damals gut gemeint, aber gut gemeint heißt auch oft, es falsch zu machen.

Ist man gerecht mit Ihnen umgegangen?

Im Blick zurück muss ich sagen: Ich bin dankbar, ich bin glücklich für die Zeit damals. Alles hat seine Zeit. Und ich habe neue Aufgaben gefunden.

Denken Sie, dass es Schwarz-Blau gut machen wird?

Die Regierungsverhandlungen laufen, ich kenne das Ergebnis nicht. Ich wünsche aber nicht nur den Parteien, sondern auch den Österreicherinnen und Österreichern alles Gute.

Macht es Sebastian Kurz gut?

Er hat alle Chancen, die Wahl hat es gezeigt, er wird anerkannt. Er ist auf einem Weg, den junge Menschen nur selten gehen dürfen. Ich kann ihm nur wünschen, dass er diese Chance gut nützt.

Was raten Sie ihm?

Wenn Sie mich so fragen: in seinem Umfeld auch einige Leute über 50.

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