Jahresrückblick 2021

Hörbranzerin kämpft um Besuchsrecht

28.03.2021 • 09:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Pilar Gutierrez-Perez vermisst ihre Enkelkinder. hartinger
Pilar Gutierrez-Perez vermisst ihre Enkelkinder. hartinger

14-tägiges Besuchsrecht endete für Pilar Gutierrez-Perez (58) mit harten Urteil.


Ein paar Fotos – das ist alles, was Pilar Gutierrez-Perez von ihren drei Enkelkindern geblieben ist. Sie zeigen zwei kleine Buben und ein Mädchen beim Spielen, Eis essen und lachend in den Armen der Großmutter. Vor etwa einem Jahr musste die 58-Jährige von einem Tag auf den anderen ohne ihre Enkel leben. Das Gericht entzog ihr für zwei Jahre das Kontaktrecht zu den drei Kindern, die in Pflegefamilien aufwachsen. Eine Vorstellung, die wohl für die meisten Großeltern einem Alptraum gleichkommt.

Auch die Hörbranzerin hat mit der Entscheidung zu kämpfen – und erhebt nun schwere Vorwürfe. Sie sieht sich als Opfer der Psychologen, Institutionen und Justiz; sieht ihre Rechte und jene ihrer Enkel im Namen des Kindeswohls verletzt; versteht die bis in die letzte Instanz bekämpfte Entscheidung als eine Art Retourkutsche, weil sie nicht in allen Punkten mit den angeordneten Maßnahmen einverstanden gewesen sei und ihre Kinder öfter besuchen wollte. Von „Behördenwillkür“ spricht auch Walter Loacker, der die Frau als emeritierter Anwalt im Rahmen der kostenlosen Rechtsberatung der Gemeinde Hörbranz unterstützt.

Jurist Walter Loacker unterstützt Frau Gutierrez-Perez unentgeltlich. <span class="copyright">Hartinger</span>
Jurist Walter Loacker unterstützt Frau Gutierrez-Perez unentgeltlich. Hartinger



Um die Hintergründe des Falles zu verstehen, muss man aber auch etwas über die Situation der Kinder wissen und die Beweggründe der Behörden kennen. Diese Informationen finden sich unter anderem in Gerichtsbeschlüssen, Gutachten und fachlichen Stellungnahmen, die der NEUE am Sonntag vorliegen. Die Unterlagen dokumentieren eine zerrüttete Familiengeschichte und das mitunter schwierige Abwägen zwischen den Bedürfnissen der Kinder und jenen der Herkunftsfamilie.

Gefahr in Verzug

Die Kinder, nennen wir sie Daniel, Amelie und Selina, sind heute fünf, vier bzw. fast drei Jahre alt. Sie wachsen in drei verschiedenen Pflegefamilien in drei verschiedenen Bezirken auf. Daniel und Amelie wurden im Sommer 2017 in einer Gefahr-in-Verzug-Maßnahme von der Polizei und Mitarbeitern der Kinder- und Jugendhilfe aus der Wohnung ihrer leiblichen Eltern geholt. Die sogenannte Fremdunterbringung der damals 21 bzw. 8 Monate alten Kinder erfolgte „nach grober Vernachlässigung, emotionaler Deprivation (Anm.: fehlende emotionale Fürsorge) und starken Hinweisen für ein Miterleben von massiver Gewalt zwischen den Eltern“, wie aus einer Stellungnahme der Familien- und Jugendgerichtshilfe hervorgeht. Der Bub und das Mädchen kamen zunächst in die Krisenpflege und wechselten ein Jahr später in ihre jeweiligen Pflegefamilien. Selina, das jüngste der drei Geschwister, wurde bereits sechs Tage nach der Geburt, sprich direkt vom Krankenhaus in die Krisenpflege und später in eine Pflegefamilie gegeben.

Zerrüttete Familienverhältnisse

Alles, was wir gemacht und gesagt haben, war falsch. Wir haben die Kinder offenbar bedrängt, ohne dass wir an sie herangekommen sind“,

Pilar Gutierrez-Perez

Die 25-jährige Mutter, selbst in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen, steht seit ihrer Kindheit unter Beobachtung des Jugendamts. „Sie hat es nicht leicht ge­habt“, sagt ihre Schwiegermutter und erzählt, wie sich das Unheil bereits während der ersten Schwangerschaft anbahnte: „Schon hat ihr das Jugendamt zu verstehen gegeben, dass sie das Kind nicht selbst aufziehen wird. Es wurde ihr von Anfang an Druck gemacht.“ Vor zwei Jahren brach die Mutter den Kontakt zu ihren Kindern komplett ab. „Sie hat es nicht mehr gepackt“, weiß Gutierrez-Perez, die zumindest die zwei älteren Kinder bis zuletzt besuchte. Alle zwei Wochen durfte sie Daniel und die kleine Amelie im Beisein des Pflegekinderdienstes für zwei Stunden sehen. Auch ihr Sohn (32), den sie als gutmütig beschreibt, und der sein Leben wieder auf die Reihe bringen möchte, war bei den Besuchen regelmäßig dabei.
Allerdings sollen die Kinder nach den Kontakten „massiv auffällig“ reagiert haben. In den Berichten der Pflegeeltern ist von „emotionaler Unausgeglichenheit, Anspannung und aggressivem Verhalten“ zu lesen. Besonders Amelie verfiel offenbar in „extreme emotionale Spannungszustände, welche sich unter anderem durch dauerhaftes, intensives und apathisches Schreien äußerten“. Aus Sicht des Pflegekinderdienstes lassen die Reaktionen auf eine Retraumatisierung schließen. Daraufhin wurden die Besuchskontakte nur noch im Beisein der Pflegemütter durchgeführt, später trennte man die beiden Kinder, sprich die Großmutter durfte sie nur noch nacheinander jeweils eine Stunde sehen.

Familien- und Jugendgerichtshilfe. <span class="copyright">NEUE</span>
Familien- und Jugendgerichtshilfe. NEUE

Druck auf Kinder?

Ich frage mich, wie Frau Gutierrez eine Vertrauensbasis zu ihren Enkeln aufbauen hätte sollen, wenn dies die Behörden nicht fördern und die Pflegeeltern eigentlich gar nicht wünschen.“

Walter Loacker

Dass die Kinder gelitten haben, räumt auch Gutierrez-Perez ein. Der Grund dafür sei aber nicht sie, sondern der Druck, dem die Kinder ausgesetzt gewesen seien. „Sie durften sich gar nicht zu uns bekennen. Genauso wenig wie wir uns zu ihnen bekennen durften. Alles, was wir gemacht und gesagt haben, war falsch. Wir haben die Kinder offenbar bedrängt, ohne dass wir an sie herangekommen sind“, erinnert sich die Großmutter an die beobachteten Begegnungen mit ihren Enkelkindern.
Kritische Worte findet auch Beistand Loacker. „Ich frage mich, wie Frau Gutierrez eine Vertrauensbasis zu ihren Enkeln aufbauen hätte sollen, wenn dies die Behörden nicht fördern und die Pflegeeltern eigentlich gar nicht wünschen.“

Kontaktsperre

Ende 2019 beantragte die streitbare Großmutter die Ausdehnung des Besuchsrechts. Zumindest einmal im Monat sollten die Kinder übers Wochenende bei ihr bleiben dürfen. Doch der Schuss ging nach hinten los. Denn das Pflegschaftsgericht wies per 23. Februar 2020 nicht nur die beantragte Ausweitung des Besuchsrechts ab, sondern setzte das Kontaktrecht im Sinne des Kindeswohls für die nächsten zwei Jahre zur Gänze aus. Das Gericht stützte sich bei seiner Entscheidung im Wesentlichen auf die fachliche Stellungnahme der Familien- und Jugendgerichtshilfe. Diese geht davon aus, dass eine Ausweitung der bisherigen Kontakte alle Kinder „massiv belasten und retraumatisieren“ würde. Die Aussetzung empfahl die Behörde deshalb, weil „nicht zu erwarten sei, dass die Großmutter ihre Haltung gegenüber der Fremdunterbringung der Kinder in absehbarer Zeit ändert“. Die Kinder hätten somit Zeit, „ohne verunsichernde Ansprüche der Herkunftsfamilie ihre Bindungen und Beziehungen zu den Pflegeeltern zu festigen“.
Der damalige Verfahrenshelfer, Rechtsanwalt Michael Kramer, hatte gegen den Beschluss Rekurs eingereicht und damit argumentiert, dass nicht die Stellungnahme des Familiengerichts allein maßgeblich sein sollte, sondern ein kinderpsychologisches Gutachten bei einem unabhängigen Sachverständigen eingeholt werden hätte müssen. Das Landesgericht gab dem Rekurs allerdings nicht Folge.

Unfassbare Fehlentscheidung

Walter Loacker, der die Großmutter weiterhin unentgeltlich unterstützen wird, bezeichnet das als „unfassbare Fehlentscheidung“. Er befürchtet, dass das Kontaktverbot in einem Jahr verlängert wird, „da das Vertrauensverhältnis der Kinder gegenüber ihrer Großmutter aufgrund der jetzigen Besuchssperre zusätzlich zerstört wird“. Nichtsdestotrotz wird Frau Gutierrez-Perez in einem Jahr wieder einen Antrag stellen. Sie ist sich bewusst, dass es „ein schwieriger, langer Weg“ wird, aber sie möchte ihn gehen. Derweil muss sie sich mit den Bildern und Videos, die ihr die Pflegeeltern ihrer Enkelkinder hin und wieder zukommen lassen, zufriedengeben.

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