Jahresrückblick 2021

“Drogensucht zieht sich durch alle Schichten”

07.04.2021 • 19:34 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Primar Philipp Kloimstein. <span class="copyright">Hartinger</span>
Primar Philipp Kloimstein. Hartinger

Philipp Kloimstein, ärztlicher Leiter der Maria Ebene zur Abwasserstudie.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die sie aus der Abwasseranalyse gewinnen konnten?
Philipp Kloimstein: Eine wichtige Erkenntnis ist, dass man im Vergleich zu anderen Untersuchungs- beziehungsweise Befragungsmethoden nicht ganz falsch liegt und andererseits, dass man diesmal einen großen Zeitraum von einer Woche untersucht hat und somit das Konsumverhalten über die Woche verteilt analysiert hat. Zudem ist der Einbezug von 17 Kläranlagen toll, da man damit praktisch fast alle Vorarlberger erreicht hat.

Hat die Abwasserstudie etwas zutage gefördert, das sie überrascht hat?
Kloimstein: Dass der Tourismus doch keine wesentliche Rolle hat, trotz Urlauber beispielsweise aus Holland oder anderen Ländern.

Überraschend ist, dass der Tourismus doch keine wesentliche Rolle hat, trotz Urlauber beispielsweise aus Holland oder anderen Ländern.

Philipp Kloimstein

Kokain ist die am zweitmeisten konsumierte illegale Droge. Decken sich die stetig steigenden Zahlen in gewisser Weise mit dem Zeitgeist?
Kloimstein: Klar, wir sehen uns aktuell als eine Leistungsgesellschaft und da sind aufputschende Drogen gefragt, die einen auch vermeintlich leis­tungsfähiger machen.

Die Proben für die Abwasserastudie wurden in 17 Kläranlagen des Landes gezogen.  <br>Im Bild: Abwasserreinigungsanlage Meiningen. <span class="copyright">hartinger</span>
Die Proben für die Abwasserastudie wurden in 17 Kläranlagen des Landes gezogen.
Im Bild: Abwasserreinigungsanlage Meiningen. hartinger

Ziehen sich Drogenkonsum und -probleme durch alle Gesellschaftsschichten oder sind einzelne stärker betroffen?
Kloimstein: Drogenkonsum und -probleme ziehen sich mehrheitlich quer durch alle Gesellschaftsschichten. Für Alkohol zeigt sich aber auch ein Zusammenhang mit der sozialen Situa­tion.

Als Grundlage für die Suchtprävention dient das 2002 erstellte „Vorarlberger Drogenkonzept“. Bewährt es sich oder braucht es neue Richtlinien?
Kloimstein: Ich denke, die aktuelle Pandemie und ihre noch bevorstehenden psychischen Folgen werden sicherlich eine Anpassung notwendig machen. Die einzelnen Behandlungs- und Beratungseinrichtungen haben aber auch schon in den letzten Jahren auf Entwicklungen klar reagiert.

Ist Heroin gar kein Thema mehr? Kann sich das wieder ändern?
Kloimstein: Heroin ist aktuell kaum ein Thema bei uns. Blickt man aber beispielsweise nach Griechenland, dann hat sich dort als Folge der Finanzkrise 2008 eine Zunahme von rund 20 Prozent des Heroinkonsums gezeigt. Deshalb müssen wir auch bei uns wachsam sein , insbesondere in den nächsten Jahren.

Es gibt natürlich auch Süchte, denen man im Abwasser nicht auf die Spur kommt – wie etwa die Internet- oder Spielsucht. Welche Herausforderungen bringen Verhaltenssüchte für Betroffene und Angehörige mit sich?
Kloimstein: Verhaltenssüchte können finanziell zu enormen persönlichen Problemen und Tragödien führen, insbesondere aufgrund von Schulden. Aber auch Internetsucht prägt oder verhindert oft langanhaltend wichtige Entwicklungsschritte, insbesondere bei Jugendlichen. Herausforderung ist natürlich, dass wir das Internet heute aus unserem Alltag gar nicht mehr wegdenken können, sodass wir einen adäquaten Umgang damit entwickeln beziehungsweise erlernen müssen.

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