Jahresrückblick 2021

Eine App im Kampf gegen Depressionen

04.07.2021 • 12:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Mit der App sollen praktische Erkenntnisse vermittelt werden, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen und Rückfälle zu verhindern. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Mit der App sollen praktische Erkenntnisse vermittelt werden, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen und Rückfälle zu verhindern. Klaus Hartinger

Start-up edupression.com leistet Hilfe gegen Depressionen.

Es ist ein tragisches Ereignis, welches schon einige Zeit zurückliegt. Der aus Dornbirn stammende Daniel Amann verliert einen Freund, weil der sich das Leben nimmt. „Mir war nicht bewusst, dass er offenbar solch schwere Depressionen hatte“, sagt der 49-Jährige heute.

Einen Einblick in die Thematik Depression bekommt Amann in dieser schweren Zeit durch Lukas Pezawas, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin an der MedUni Wien und ebenfalls ein Freund des Verstorbenen. „Lukas Pezawas hat mir aufgezeigt, was bezüglich der Krankheit alles im Argen liegt, wie viel Unwissenheit es gibt. Wir wollten etwas dagegen unternehmen“, erzählt Amann von der Gründung des Start-ups edupression.

Zweieinhalb Jahre ist das nun her. Die Webseite edupression.com ist mittlerwiele online, seit eineinhalb Monaten steht die App zum Download zur Verfügung. 500 User haben sich bereits registriert.

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Depression in der Gesellschaft

Die App ist ein Medizinprodukt und zugelassen für leichte bis mittelgradige Depressionen sowie zur Prävention einer solchen. „Unipolare Depression“ ist der Fachausdruck. „Das ist die ‚typische‘ Depression. Acht Prozent der Bevölkerung weltweit leiden einmal im Jahr an einer depressiven Episode“, gibt Amann zu bedenken. In Österreich hat sich die Häufigkeit von depressiven Krankheitsbildern seit Beginn der Corona-Pandemie verfünffacht– von knapp fünf Prozent auf 25 Prozent Anfang 2021.


Die Folgen psychischer Erkrankungen kosteten die EU laut einer Schätzung noch vor dem Aufkommen von Corona mehr als vier Prozent des BIP, also über 600 Milliarden Euro. „Psychische Erkrankungen sind nicht nur für Betroffene belastend, auch die wirtschaftlichen Folgen für den Staat sind enorm“, erläutert Amann. Aufgrund der psychischen Folgen der Pandemie dürften diese Ausgaben noch einmal erheblich ansteigen.


Neben Behandlungskosten sind auch indirekte Kosten, wie eine eingeschränkte Produktivität am Arbeitsplatz oder die Arbeitsunfähigkeit wesentliche Faktoren.

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Medizinisch fundiert

Edupression.com setzt auf das Konzept der Psychoedukation. Ein Selbsthilfeprogramm unterstützt Patienten bei der Behandlung sowie Prävention der Krankheit und vermittelt Wissen rund um das Leiden. Dadurch sollen Patienten zu Experten rund um die eigene Krankheit werden.


Die App ist rein evidenzbasierend. Alles was die Nutzer über die Anwendung in Erfahrung bringen kann, ist wissenschaftlich fundiert. Das niederschwellige Online-Angebot wurde von einem multidisziplinären Team aus Ärzten und Psychologen entwickelt, umfasst knapp 60 Einheiten aus unterschiedlichen Bereichen und enthält Videos, Informationselemente, Quizze und Übungen.

„Unsere Plattform stützt sich ausnahmslos auf wissenschaftlich-medizinisch fundierte Erkenntnisse und wird in Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Forschung, insbesondere der MedUni Wien, stetig weiterentwickelt“, betont Amann.

Der Einstieg

Am Anfang einer Behandlung steht stets die Diagnose. „Wir empfehlen den PHQ-9, das ist ein simpler Fragebogen, welcher den Schweregrad einer Depression erhebt. Bei einem Wert von eins bis vier liegt eine unterschwellige Depression vor, da macht es durchaus Sinn, die App präventiv zu nutzen. Bei Null ist das nicht notwendig, da keinerlei Symptomatik vorliegt“, erläutert Amann. Doch auch reinem Interesse kann die App genutzt werden, wenn etwa ein naher Angehöriger an einer Depression leidet. (Der PHQ-9-Fragebogen, findet sich auf der Webseite).

Erst zum Arzt

Die App ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Jeder Betroffene sollte zu einem praktischen Arzt gehen und abklären, woher die Symptome kommen. Es gibt Krankheiten, wie etwa eine Schilddrüsenerkrankung, die gleiche Symptome auslösen können. Es gibt physische Ursachen für die Beschwerden. „Der Arzt muss den Patienten anschauen, ein Blutbild ist sinnvoll“, rät Amann.
Lautet die Diagnose leichte bis mittelschwere Depression t, ist es sinnvoll die App als Selbsthilfeprogramm zu nutzen. Die Wirksamkeit als Monotherapie wurde in klinischen Studien nachgewiesen. Welche Therapieform die geeignetste ist, sollte mit dem Spezialisten entschieden werden.


Menschen mit schwergradigen Symptomen, etwa anhaltende Suizidgedanken oder -absichten, sollten sich hingegen dringend an eine psychatrische Notfallambulanz oder den behandelnden Arzt wenden.

Drei Monate

Einmal installiert wird die intelligente App zum täglichen Begleiter. Stimmungsdiagramme, praktische Übungen, Tests – im eigenen Tempo angewendet – sollen die aktuellen Beschwerden lindern. „Die Effekte sollten innerhalb von drei Monaten eintreten“, lautet Amanns Prognose.

Dabei scheinen drei Monate stets einen essentiellen Zeitpunkt darzustellen. „Wenn nach drei Monaten eine Psychotherapie nicht anspricht, also der Schweregrad den man mit dem PHQ-9-Test misst nicht um 50 Prozent niedriger ist, dann ist es sinnlos die aktuelle Behandlung so weiter zu verfolgen. Die Therapie muss angepasst werden. Viele Menschen sind jahrelang in Therapie und wissen das nicht. Die Folge ist eine chronifizierte Depression. Und der Weg daraus ist schwer“, gibt Amann zu bedenken.

Die Nutzer

Die App wurde nicht ausschließlich für Patienten entwickelt. Auch Ärzte, Therapeuten und Psychologen können die Anwendung nutzen. Die App ermöglicht es so den Patienten mit dem Depressionsspezialist jeder Zeit in Kontakt zu treten – ähnlich wie mit einem Messenger. Therapeut und Patient haben die Möglichkeit Befunde aber auch Angaben die der Patient im Rahmen der App gemacht hat zu teilen.

App auf Rezept

Die Verbreitung der App im deutschsprachigen Markt läuft auf Hochtouren. In Österreich und der Schweiz arbeiten die Verantwortlichen mit Versicherungen zusammen. Zudem richtet sich die Plattform an Unternehmen – Stichwort Burnout. In Deutschland wird eine weitere Strategie verfolgt, die hierzulande (noch) nicht möglich ist. Seit 2020 können dort Ärzte zertifizierte digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), spricht Apps, auf Rezept verschreiben. edupression.com soll die Zertifizierung im Herbst erhalten. Anschließend ist eine Expansion in die USA geplant.

Geschäftsführer Daniel Amann. <span class="copyright">edupression</span>
Geschäftsführer Daniel Amann. edupression

Vom Star-up zum Standardtool

Daniel Amann stammt aus Dornbirn und ging nach der Schule nach Wien. In der Bundeshauptadt und im Ausland hat er Rechtswissenschaften studiert. Im Anschluss war der Jurist im Banken- sowie Versicherungsbereich tätig und ist seit 2018 Geschäftsführer der S.O.F.Y. GmbH. Seit geraumer Zeit hatte Amann den Wunsch ein Start-up zu gründen. Ziel ist es nun, die App als Standardtool zu etablieren.

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