Jahresrückblick 2021

„Mein Leben war nicht mehr mein Leben“

09.11.2021 • 20:27 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Stefan Jochum. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Stefan Jochum. Stiplovsek

Stefan Jochum, Noch-Bürgermeister in Lech, über die Gründe seines Rücktritts.


Sie haben am Montagabend überraschend ihren Rücktritt bekanntgegeben. Wie lange haben Sie darüber nachgedacht?
Stefan Jochum: Die letzten zwei drei Monate bin ich an meine körperlichen Grenzen gekommen und habe gespürt, dass mich das Amt sehr mitnimmt. Es sind verschiedene Dinge vorgefallen, die mir zugesetzt haben. Ich habe nicht gewusst, wie lange ich das noch schaffe. Und irgendwann war der Punkt erreicht, dass ich mir sagte, es geht so nicht weiter.

Welche körperlichen Anzeichen haben Sie konkret gespürt, wenn ich fragen darf?
Jochum: Ich habe bis auf wenige Ausnahmen praktisch ein ganzes Jahr durchgearbeitet. Die Pandemie hat ebenfalls sehr großen Einsatz gefordert. Dazu kamen ständige Kritik und Untergriffigkeiten. Das wirkte sich körperlich und psychisch aus. Ich konnte nicht mehr schlafen und habe zehn Kilo abgenommen. Mein Leben war nicht mehr mein Leben. Wir wohnen hier in einem wunderbaren Ort, für den ich mich in den letzten 40 Jahren eingesetzt habe. Da tut es weh, wenn man keine Kraft und Energie mehr hat. Meine Frau machte sich Sorgen, dass ich plötzlich umfalle.

Und wann haben Sie die endgültige Entscheidung getroffen, das Bürgermeisteramt nach nur einem Jahr niederzulegen?
Jochum: Ursprünglich wollte ich in der Gemeindevertretungssitzung am Montag über mein ers­tes Jahr als Bürgermeister sprechen. Ich habe diesen Bericht ungefähr 15 Mal geändert und gestern entschieden, dass ich einen Schlussstrich ziehen muss.

 Stefan Jochum. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Stefan Jochum. Stiplovsek

Gab es den berühmten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte?
Jochum: Ausschlaggebend war letztlich, dass ich mir nicht für ein paar Tage eine Auszeit nehmen konnte – übrigens meine erste seit Amtsbeginn – ohne nicht trotzdem voll vereinnahmt zu werden. Es gab interne Geschichten sowie einen Medienbericht, der für viel Aufregung gesorgt hat. Natürlich ist ein Bürgermeister für vieles verantwortlich, aber man muss ihm auch einmal zugestehen, dass er mal zwei, drei Tage nicht da ist.

Um was ging es in diesem Bericht?
Jochum: Über die Handelsflächen im neuen Gemeindezentrum. Da gab es von allen Seiten heftigste Kritik – so wie immer, wenn irgendwo über Lech und das Gemeindezentrum berichtet wurde. Da ist immer eine Welle über mich hereingebrochen.

Sie klagen über persönliche Angriffe und fehlende Wertschätzung. Jetzt werden viele sagen: Sie waren lange genug politisch tätig, um zu wissen, was sie als Bürgermeister erwartet.
Jochum: Ja, das habe ich natürlich gewusst, aber ich hätte mir nie gedacht, dass es so extrem werden würde. Es ist viel zusammengekommen: Die neue politische Konstellation in der Gemeindevertretung, der frühe Ausfall des Finanzabteilungsleiters und die Coronapandemie. Wir hatten Wochen mit bis zu sechs Sitzungen, auch meine Mitarbeiter waren komplett am Anschlag. Ich bin es gewohnt hart zu arbeiten, aber wenn man merkt, dass alles keinen Sinn hat und nur Kritik kommt, wird es schwierig.

Wie es in Lech nun weitergeht

Nach dem überraschenden Rücktritt von Bürgermeister Stefan Jochum müssen die Lecher nun deutlich früher als gedacht wieder Gemeindeoberhaupt wählen. Der Urnengang wird aufgrund verschiedener Fristen, die das Gemeindewahlgesetz vorgibt, frühestens Anfang 2022 stattfinden. Der genaue Termin werde am kommenden Dienstag festgelegt, teilte Landeshauptmann Markus Wallner am Dienstag am Rande des Pressefoyers mit.

Ausgeschrieben wird die Wahl von der Landesregierung. Laut Gemeindewahlgesetz dürfen nur jene Parteien einen Kandidatenvorschlag für die Neuwahl des Gemeindeoberhaupts einbringen, die in der Gemeindevertretung vertreten sind. In Lech sind das die Fraktionen „Unser Dorf“, der Stefan Jochum angehört, „Liste Lech“, „Zusammen uf Weg“ und „Zukunft wagen“. Der jeweilige Wahlwerber kann, muss aber nicht der Gemeindevertretung angehören.

Bis zur Direktwahl des neuen Gemeindechefs übernimmt Vizebürgermeisterin Cornelia Rieser von der Liste „Zusammen uf Weg“ vorübergehend die Amtsgeschäfte. Die Mandatarin, im Brotberuf Notarin, hat am Dienstag gegenüber dem ORF bereits angekündigt, sich nicht zur Wahl zu stellen.

Sie waren ein Bürgermeister ohne Mehrheit in der Gemeindevertretung. Wie schwierig war das?
Jochum: Das war natürlich sehr schwierig. Ich hätte mir gedacht, dass es mir besser gelingt, gemeinsame Entscheidungen herbeizuführen.

Sie haben in Ihrer Rücktrittsrede von persönlichen Angriffen gesprochen. Können Sie das ein wenig konkretisieren?
Jochum: Ich trat das Amt im Oktober 2020 an. Man braucht einfach etwas Zeit, bis man sich da hineingearbeitet hat. Aber dafür gab es kein Verständnis. Man hat mich für alles verantwortlich gemacht. Ich war der Sündenbock für alle und alles.

Aber der Bürgermeister hat nun mal die Letztverantwortung in der Gemeinde.
Jochum: Absolut. Vielleicht bin auch ich die falsche Person für dieses Amt und zu wenig belastbar. Ganz allgemein gesprochen: Ich glaube, dass es in Zukunft in vielen Gemeinden sehr schwierig werden wird, überhaupt jemanden zu finden, der diese Verantwortung übernimmt und das auch durchhält. Die Aufgaben, die eine Kommune mittlerweile übernehmen muss, sind immens. Gleichzeitig gibt es immer weniger Bürger, die ein Ehrenamt übernehmen und sich für die Allgemeinheit einsetzen.

Wie wird es jetzt weitergehen? Wen sehen Sie als Bürgermeisterkandidaten?
Jochum: Das kann ich nicht sagen. Mein Rücktritt war ja auch für meine Kollegen überraschend. Da muss man jetzt sicher erst einmal schauen, wer denn überhaupt bereit ist, dieses Amt auszuüben.

Ihr letzter Arbeitstag als Bürgermeister ist am Freitag, Was werden Sie bis dahin machen?
Jochum: Ich werde eine saubere Übergabe an die Vizebürgermeisterin vorbereiten und ihr selbstverständlich auch künftig mit Rat und Tat zur Verfügung stehen. Ich brauche jetzt einfach mal eine kurze Auszeit, um meine Akkus aufzuladen. Dann werde ich wieder als Standesbeamter in der Gemeinde tätig sein.

Vom Bürgermeister zum Standesbeamten. Wie fühlt sich das an?
Jochum: Ich habe den Beruf des Standesbeamten immer sehr gerne ausgeführt. Ich freue mich darauf. Das ist mein Beruf, den ich mein ganzes Leben hatte. Das Bürgermeisteramt war eines meiner Lebensziele. Das habe ich erreicht, allerdings war das nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich freue mich, dass jetzt wieder ein Abschnitt mit mehr Lebensqualität kommt.

Was wünschen Sie der Gemeinde Lech für die Zukunft?
Jochum: Dass wir zur Ruhe kommen, unsere Kräfte bündeln und gemeinsam in die Zukunft schauen. Dass wir diese Wintersaison gut stemmen und dass es eine neue Bürgermeisterin oder einen neuen Bürgermeister gibt, die bzw. der die volle Unterstützung hat und das Dorf weiterbringt.

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