Kärnten

Das tödliche Erbe in den Kärntner Seen

11.10.2021 • 12:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Kriegsgefangene auf einem Boot versenken im Juni 1945 unter Aufsicht der Alliierten von einem Boot aus Kriegsmaterial am Südufer des Wörthersees
Kriegsgefangene auf einem Boot versenken im Juni 1945 unter Aufsicht der Alliierten von einem Boot aus Kriegsmaterial am Südufer des Wörthersees Manfred Rauchensteiner

Ermittler gehen von Detonation einer Handgranate aus.

Noch fehlt die genaue Expertise eines gerichtlich beeideten Sachverständigen für das Waffen- und Sprengwesen. Ermittler der Polizei gehen dennoch davon aus, dass ein 59-jähriger Hobbywaffensammler und Taucher aus dem Osten Deutschlands am Freitag der Vorwoche mit größter Wahrscheinlichkeit durch die Detonation einer Handgranate aus dem Zweiten Weltkrieg am Privatstrand einer Appartementanlage in Steindorf am Ossiacher See ums Leben gekommen ist. Dass der 59-Jährige mit einem Freund (43) am Grund des Sees nach Kriegsmaterial gesucht hat, steht fest – vermutlich nicht zum ersten Mal.

Waffenentsorgung in Kärntner Seen

Doch warum treibt es jedes Jahr Dutzende Hobbytaucher in die Tiefen der Kärntner Seen, um nach Kriegsmaterial zu suchen? Neugierde, Abenteuerlust, die Hoffnung, auf einen Schatz zu stoßen? „Wohl eine Mischung aus mehreren Faktoren“, sagt Universitätsdozent Manfred Rauchensteiner, einer der international renommiertesten Militärhistoriker Österreichs. Als langjähriger Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien, Ausstellungsmacher und Buchautor hat der gebürtige Villacher Forschungsarbeit zum Thema “Kriegsmaterial in Seen” geleistet. Unter anderem hat der Wissenschaftler die Legenden um das angebliche “Nazigold im Toplitzsee” entmystifiziert. In seinem Buch “1945 – Entscheidung für Österreich” publizierte Rauchensteiner äußerst rares Bildmaterial, welches Kriegsgefangene auf einem Boot zeigt, wie sie im Juni 1945 unter Aufsicht der Alliierten von einem Boot aus Kriegsmaterial am Südufer des Wörthersees versenken. “In Kärnten haben gleich mehrere Armeen abgerüstet. Wir müssen davon ausgehen, dass alleine vom Eisenbahnknotenpunkt Villach aus die Ladungen von rund 1000 Waggons entsorgt wurden”, sagt Rauchensteiner.

Das tödliche Erbe in den Kärntner Seen
Die Arbeit ist gefährlich und erfordert hohe Konzentration und FachwissenSonstiges

Als Brennpunkte in Kärnten gelten der Wörthersee, der Ossiacher See, aber auch der Weißensee und der Längsee. Diese werden von den 15 Mitarbeitern des Bundesheer-Entminungsdienstes – davon sieben Taucher – regelmäßig abgesucht. “Die versenkte Kriegsmunition war transportgesichert. Sie lagert unter einer dicken Schlammschicht am Seegrund. Weil diese luftdicht abgeschottet ist, bleiben der Sprengstoff und die Panzer-, Wurf- oder Sprenggranaten immer zu 100 Prozent scharf“, sagt der Leiter des Entminungsdienstes, Wolfgang Korner. Seit 40 Jahren ist der Wahl-Villacher zu Lande und im Wasser unterwegs, um explosive Fallen zu beseitigen.

Tödliche Gefahr

Die Brisanz des Kriegsmaterial-Erbes in Kärnten zeigt ein Blick in die Archive des Entminungsdienstes. Zwischen 1. Jänner 1946 und 31. Dezember 1953 starben in unserem Bundesland 132 Menschen durch Kontakte mit dem Weltkriegsnachlass. 184 wurden schwer, 88 leicht verletzt. Zwei Dinge sind es, die Wolfgang Korner und seinem Team zunehmend Sorgen bereiten: “Wenn Hobbytaucher zufällig auf Kriegsrelikte stoßen, diese an die Wasseroberfläche bringen, dann nicht wissen, was sie damit anfangen sollen und einfach im Uferbereich ablegen ohne gleich den Polizeinotruf zu wählen, ist das fahrlässig. Kinder- und Jugendliche, die mittlerweile Generationen angehören, die Kriegswaffen nicht einmal mehr vom Hörensagen her kennen, könnten beim Spielen zu Opfern werden.”

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