Kontakt

Neue Zeitungs GmbH
Gutenbergstraße1
6858 Schwarzach

Phone: 0043 5572 501 500

Wie das „Ende eines langen Zögerns“

Wolfgang Hermanns neuer Roman setzt sich mit dem Abschiednehmen auseinander.

Wolfgang Hermann wagt mit seinem neuen Buch „Abschied ohne Ende“ viel. Und gewinnt. Im Schreiben kann er bewältigen, was im wirklichen Leben wahrscheinlich nicht zu bewältigen ist. In der Fiktionalisierung kann er vielleicht loslassen, wenn ein Abschied in der Realität vermutlich nicht möglich ist. Loslassen. Und gleichzeitig ein Denkmal errichten. Ein Denkmal für den geliebten, jung verstorbenen Sohn.

Wie reagiert man als Vater auf den Tod seines Kindes? Mit den Mitteln der Kunst, wenn man ein Autor wie Wolfgang Hermann ist. Das ist legitim. Legitim, wenn man in der Kunst für die persönliche Lebens-Tragödie die adäquate Form findet. Und die Sprache.

Schlaglichter

Es ist ein schmaler Band mit 25 kurzen Kapiteln. Ein kurzes Buch zum langen Abschied. Der Abschied dauert an, denn der Sohn starb vor dreizehn Jahren. Erzähltechnisch ist das Buch geschickt gemacht, etwa durch die Verwendung der Leitmotivtechnik als Vertextungs-Strategie (zum Beispiel „Licht“ und „Totholz“) oder durch die Einstreuung der Anzeichen für den frühen Tod des Sohnes.

Rückblenden werfen Schlaglichter auf die Beziehung der jungen Eltern und auf das Leben mit ihrem kleinen Sohn. Eine berührende Geschichte wird sprachlich souverän vorgeführt. Gefühlvoll, ohne jemals Gefahr zu laufen, in die Gefühlsduselei abzugleiten. So etwas muss man können. Wolfgang Hermann kann.

Falsche Abzweigung

Die Lebensumstände führen dazu, dass der Sohn des Ich-Erzählers, Fabius, aus der „Provinz“, wo er bei seiner Mutter Anna gelebt hat, zu seinem Vater in die „Hauptstadt“ zieht. Dieser erzählt seinem Sohn, dass Anna „meine erste, meine größte Liebe war“, aber: „Ich habe bei der entscheidenden Weggabelung die falsche Abzweigung genommen.“ Und auch Anna hält fest: „Du warst meine einzige große Liebe.“ Doch die zwei scheitern in ihrer Beziehung. Denn „was bedeutet Liebe, wenn zwei zusammenkommen, die nicht miteinander leben können?“ Das Kind ihrer jungen Liebe, Fabius, ist ein Teenager lässiger Einstellung zum Leben („Ach was“), ein cooler Botschafter des Bob-Marley-„Lebe jetzt und hab Spaß“-Sounds. Und stirbt infolge einer, vom Vater geerbten Herzschwäche im Schlaf an einer Grippe.

Abgrund der Jahre

Beziehungen zu verschiedenen Menschen bringen Linderung. Christian, ein Freund des Ich-Erzählers, ist durch seinen Beistand eine Hilfe. Zwischen Anna und dem Ich-Erzähler findet eine Annäherung statt: „Ja, Fabius’ Tod war auch das Ende eines langen Zögerns zwischen Anna und mir. Das Band, das durch seinen Tod gerissen war, umschloss uns nun enger, denn wir starrten gemeinsam in den Abgrund der Jahre.“ Und Julia, die Freundin des verstorbenen Sohnes, wird bedeutend im Leben des Vaters. „Denn mir war jetzt, als wäre dieses junge Mädchen mit den verweinten Augen meine Schwiegertochter gewesen, zwar meinem Sohn nicht angetraut, aber mit ihm doch tief verbunden.“

„Abschied ohne Ende“ – ein starker Titel, der im Englischen vielleicht in der Formulierung „The long goodbye“ (Raymond Chandler) seine Entsprechung hat. Der Titel ist Programm.

Peter Bader

Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Entdecken Sie die NEUE in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.