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interview

Alles nur eine Frage der Zeit

Erfolgsliterat Martin Suter über sein neues Werk „Die Zeit, die Zeit“, die Kunst der Werbung und einstige Wünsche, Urwald- doktor zu werden.

Herr Suter, ursprünglich wollten Sie ja Urwalddoktor werden. Dass aus dem Schweizer kein Doktor Schweitzer wurde, lag letztendlich daran, dass Sie kein Blut sehen konnten. Schon in der Schulzeit wurden Ihre Aufsätze immer vorgelesen. Erste Ansätze zu Ihrem späteren Beruf?

martin suter: Ich hab halt gerne fantasiert und konnte mich klar ausdrücken, das war keine Hexerei. In anderen Fächern war ich so schlecht, dass ich durch Deutsch meinen Hals rettete.

Mit 16 Jahren fassten Sie den Entschluss, Schriftsteller zu werden. Wie kam es dazu?

suter: Ich wollte meinen Eltern nicht auf der Tasche liegen und selbst Geld verdienen. Aber versuchen Sie einmal, mit zwanzig Jahren als Schriftsteller Ihren Unterhalt zu bestreiten. Also landete ich zunächst bei der Werbung und schrieb Kolumnen.

Das Licht nicht unter den Scheffel! Sie waren ein Jungstar in der Werbebranche und Ihre Kolumnen waren hoch bezahlt. Vorübergehend landeten Sie ja auch in Wien?

suter: Ja, es muss 1971/72 gewesen sein, ich wurde Kreativdirektor bei der Firma GGK unter Hans Schmid. Rückwirkend betrachtet, habe ich in Wien wohl zu viel gearbeitet und fühlte mich ein bisschen ausgenützt. Doch das habe ich zu spät gecheckt. Ich war blutjung und plötzlich in Chefposition, war Chef von Leuten, die älter waren als ich, und voller Mitgefühl für die privaten Probleme meiner Mitarbeiter.

Welcher Unterschied herrscht zwischen der Werbung von heute und von damals?

suter: Die Werbung ist jetzt nicht mehr so verspielt. Die meisten von uns fühlten sich als verhinderte Künstler, die eigentlich davon lebten, dass niemand wusste, ob Werbung wirklich nützt. Wir verkauften Werbung als Teil der Unterhaltungsindustrie.

Sie haben im Verlauf Ihrer Schriftstellerkarriere zwei Krimipreise gewonnen, aber, wie Sie sagen, nur einen Krimi geschrieben?

suter: Und das war „Ein perfekter Freund“. Dafür habe ich aber gar keinen Preis erhalten.

Was sind Ihre Bücher dann?

suter: Das Realistische macht das Unmögliche plausibel. So lautet ein Satz aus der US-Filmtheorie. Auch ich bin Realist, was das Schreiben angeht. Ich erzähle meine Geschichten in möglichst realistischer Umgebung und recherchiere genau. Dann hebe ich ab. Ein Buch muss „komponiert“ sein und ein Geheimnis haben. Ansonsten ist es einfach: Ich schreibe, was mir gut gefällt und was ich selbst lesen würde. Dem Anschein nach habe ich einen populären Geschmack.

Ihr aktuelles Buch hat die Zeit zum Thema? Auch, weil Sie am 29. Februar Geburtstag feiern?

suter: Es verändert vielleicht das Zeitgefühl, wenn man nur alle vier Jahre Geburtstag hat. Aber ich glaube nicht, dass das mit meinem jetzigen Buchthema zu tun hat. Mehr damit, dass ich schon immer von Zeitreisen und Parallelwelten beeindruckt war.

Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis für die Existenz der Zeit. Ihre Meinung?

suter: Es spricht einiges dafür, dass es die Zeit nicht gibt. Nur Veränderungen.

Sie haben das Buch Ihrem ­Adoptivsohn Toni gewidmet, der, damals drei Jahre alt, 2009 beim Mittagessen in Zürich erstickt ist. Spielt die Zeit auch in diesem Zusammenhang für Sie eine Rolle?

suter: Unterschwellig vielleicht, aber nicht im Sinn von Sprüchen wie „Die Zeit heilt alle Wunden“. Das tut sie nicht. Der Schmerz bleibt. Seither ist übrigens jedes Buch Toni gewidmet.

Kann denn ein so fürchterliches Ereignis nicht auch zu einer Schreibblockade führen?

suter: Möglich. Doch ich habe ja noch ein Kind, Ana ist jetzt sechs, und für sie muss ich versuchen, möglichst normal weiterzuleben. Es wäre ihr gegenüber in höchstem Maß unfair, mich von Depressionen leiten zu lassen.

Wird es, wenn Sie am 22. November nach Wien kommen, auch ein Wiedersehen mit den alten Werbe-Kumpels geben?

suter: Ich glaube, ich werde keine Zeit haben.

Aber wenn es doch die Zeit gar nicht gibt, können Sie nicht keine Zeit haben?

suter: Da haben Sie eigentlich auch wieder recht . . .

INTERVIEW: LUIGI HEINRICH

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