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Zuckerbrot statt Peitsche

Stipo Palinic ist seit Jahrzehnten die erfolgreiche Antithese zum gängigen Trainer-Klischee. Die NEUE stellt den Kult-Coach vor.

Emanuel Walser

Z wei Dinge trägt Stipo Palinic immer mit sich: ein Lächeln im Gesicht und Bonbons in der Hosentasche. Darüber freut sich nicht nur seine zweijährige Enkelin Mia, sondern auch so manch gestandener Spieler. Mögen die süßen Drops zwar nicht zur Sportlernahrung taugen, ein schönes Sinnbild für das Leitmotiv des Trainers geben sie dennoch ab: Fußball muss Spaß machen!

Und niemand im Vorarl­berger Fußball verkörpert diesen Imperativ authentischer als Palinic. Für ihn eine Selbstverständlichkeit: „Die Spieler sind Menschen und Menschen haben Sorgen. Wenn jemand Probleme in der Beziehung, im Job oder sonstiger Natur hat, dann soll ihm der Sport als Ausgleich dienen. Ich bin da, um sie aufzubauen, und nicht, um eine zusätzliche Belastung zu sein.“

Dass das Leben kein Postkartenidyll ist, weiß niemand besser als er. Im ehemaligen Jugoslawien geboren, machte er schon als junger und außergewöhnlich talentierter Fußballer die Erfahrung, dass auch im Realsozialismus titoscher Prägung der individuelle Ausdruck in der Regel dem Konformismus geopfert wird. Nicht zu seinem Vorteil, erinnert sich Palinic, denn: „Ich war immer sehr westlich orientiert.“

Die langen Haare, seine Freiheitsliebe, die kroatischen Wurzeln und nicht zuletzt sein katholisches Bekenntnis bildeten nicht den Cocktail, der einer großen Karriere förderlich war. Der traurige Höhepunkt: „Im Fasching ging ich einmal maskiert zum Training, nur zum Spaß, und wollte meine Mitspieler zum Lachen bringen. Doch die Bosse waren nicht begeistert.“ Die Funktionäre zeigten sich nicht nur humorresistent, sondern empfanden die Aktion als Provokation. Die Konsequenzen hätten fataler nicht sein können: Palinic Senior verlor seinen Job und der Junior stand fortan auf dem Index, der Aktenvermerk hätte lauten können: nicht förderungswürdig.

Auf in den Westen

Mit Mitte zwanzig wagte Palinic den Absprung. Schon damals nicht von seiner Seite wegzudenken: seine Frau Branka. Ist die Rede von ihr, wird Palinic zum Schwärmer: „Ohne sie hätte ich das alles nicht geschafft. Ich wünsche jedem eine ähnliche Frau, sie selbst aber nur für mich. Außerdem kocht sie ausgezeichnet.“ Den Zusatz nimmt man ihm gerne ab, man sieht, dass es ihm schmeckt. In Vorarlberg angekommen, wurde der Fußball schnell zum Brückenbauer.

Dank großer Klasse als Fußballspieler und mindestens ebenso großer als Mensch gestaltete sich die Integration reibungslos. Zudem fand er bei einem Vorarlberger Unternehmen, dessen Renommee keines „Liftings“ bedarf, sofort eine Anstellung und findet sie immer noch. Der große Profifußball stand nie im Fokus von Palinic, dafür schätzt er die familiäre Atmosphäre kleinerer Vereine zu sehr. Eines kommt ihm dabei oft zu kurz: „Es wird viel zu viel auf die Ergebnisse geschaut. Die große Leistung der Vereine ist eigentlich eine andere: Sie produzieren für die Gesellschaft wertvolle Typen!“ Der Fußball war und ist ihm immer nur für 90 Minuten Mittelpunkt, nach Schlusspfiff zählen schnell wieder die wahren Werte des Lebens.

Fußball als Retter

Dass er dem Spiel auch in demütiger Dankbarkeit gegenübersteht, mag auch damit zusammenhängen, dass es ihm über die wohl schwierigste Phase in seinem Leben hinweghalf: Während des Balkankrieges hing er in Gedanken immer in seiner alten Heimat. Die engste Verwandtschaft war vom kriegerischen Treiben direkt betroffen, sein Bruder etwa war nur aufgrund seiner ethnischen Zugehörigkeit über ein Jahr inhaftiert. Just in diesem Jahr spielte Palinic, wie er selbst sagt, die beste Saison seines Lebens. Als Spielertrainer stieg er 1993 mit dem FC Wolfurt in die Regionalliga auf. In dieser Zeit war der Sport einzige Ablenkung vom Bangen um seine Familie. So wichtig wie damals war ihm der Fußball nie wieder. Seine Geschwister haben den Krieg überlebt, der zerstörte Hof ist mittlerweile wieder aufgebaut.

Der Krieg bleibt zwar als traurige Erinnerung, zum Nationalisten hat er Palinic trotzdem nicht werden lassen: „Ein Mensch ist ein Mensch. Für mich sind alle gleich!“ Palinic ist ein glücklicher Mann, mit seinem Leben uneingeschränkt zufrieden und strahlt dies auch aus. Auf seine Träume angesprochen, antwortet er nach kurzem Nachdenken: „Mir fehlt es an nichts. Aber eines würde ich mir wünschen: dass ich meiner Enkelin Mia über einen längeren Zeitraum meine Heimat zeigen kann. Sie soll auch einmal die Tomaten meines Bauernhofes essen, frische Ziegenmilch trinken und mit mir fischen gehen.“ Dies ist Stipo Palinic zu wünschen, einen Rat möchte man ihm dennoch mitgeben: Den Ball nicht vergessen!

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