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Migration und Mozartkugel

Der österreichisch-russische Autor Vladimir Vertlib über emotionellen Analphabetismus in Österreich und anatolische Dörfer.

Sie wurden eingeladen, in der österreichweiten Reihe „mit Sprache: Reden zur Situation“ einen Vortrag in Bregenz zu halten. Thema Ihrer Rede war „Migration und Mozartkugel“. Eine unheilige Allianz?

vladimir vertlib: Ich gehe in dieser Rede ironisch auf ein Zitat von Ex-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel ein, indem er davon sprach, dass die alten Klischees wie Mozartkugel und Lippizaner nichts mehr mit der österreichischen Realität des 21. Jahrhunderts zu tun haben. Ich denke nicht, dass Migration und Mozartkugel eine unheilige Allianz sind. Ich selbst esse gerne Mozartkugeln. Ich frage mich nur, warum Schüssel gerade diese beiden Klischees anführte. Gibt es denn nichts Hintergründigeres? Warum die Mozartkugel und nicht Mozarts Musik? Das wäre bei seinem Publikum wahrscheinlich nicht so gut angekommen, denn da spielt Kultur eine weniger große Rolle. Weiters stelle ich die Frage, was Migranten über Österreich denken. Migranten rücken positive Klischees oft in den Vordergrund. Vielleicht sollte man sie danach fragen.

Sie halten Ihren Vortrag im Rahmen einer Initiative mit dem Titel „mit Sprache“. Welche Rolle spielt Sprache als verbindendes und trennendes Moment im Migrationskontext?

vertlib: Nur Sprache kann Missverständnisse ausräumen, auch wenn Sprache selbst oft missverständlich sein kann. Grundvoraussetzung für ein Einwanderungsland wie Österreich sind sprachfördernde Maßnahmen. Da braucht es das Wollen auf beiden Seiten. In den letzten Jahrzehnten ist da sehr viel schief gegangen. Bis vor zehn Jahren gab es wenig Interesse, an Kindergärten und Schulen Sprachförderung einzusetzen. Sprache spiegelt auch die gesellschaftliche Realität wider: Inwieweit verändert sich Sprache durch Zuwanderung? Um 1900 ist erst mit der Zuwanderung und der damit einhergehenden Beeinflussung durch andere Sprachen wie das Jiddische, Tschechische, Ungarische oder Italienische ein authentisches österreichisches Deutsch entstanden. Das ist etwas, das mir jetzt abgeht. Wie viele türkische oder südslawische Ausdrücke haben wir denn im modernen Deutsch? Das spiegelt auch dieses Nebeneinander wider.

Was halten Sie von verpflichtenden Deutschkursen für Zuwanderer?

vertlib: Verpflichtende Sprachkurse sind eine gute Sache, denke ich. Es lässt sich beobachten, was diese Kurse bewirken. Da sind Frauen, die für einen Deutschkurs zum ersten Mal ihr Zuwanderer-Ghetto verlassen. Dann ist es eben nicht mehr so, als ob ihr anatolisches Dorf zufällig gerade in die Vorarlberger Berge gefallen wäre. Es ist eine Chance, diese Ghettos aufzubrechen. Andererseits gibt es auch die Möglichkeit, durch den sprachlichen Wandel und die Beeinflussung durch Zuwanderer, ein neues Österreich-Bewusstsein zu schaffen. Da könnte etwas Authentisches, Neues gestaltet werden.

Bei Migrations- oder Religionsdebatten lässt sich der Eindruck gewinnen, dass sich die Beteiligten stark auf die Differenzen konzentrieren. Wäre es nicht sinnvoller, öfter das Gemeinsame hervorzuheben?

vertlib: Wenn schon nicht die Mehrheit, so denkt doch eine große Minderheit hier, dass Österreich ein monokulturelles Land ist. Das ist es aber nicht. Der sogenannte Andere wird immer an den eigenen Werten gemessen. Wenn er in seiner Lebenshaltung und in seiner Religion weit von uns weg ist, wird er negativ bewertet. Je ähnlicher er uns ist, desto positiver fällt die Bewertung aus. Ziel muss es sein, den Anderen als Bereicherung zu sehen. Als jemanden, der etwas einbringt in dieses Land, ohne dabei das eigene Selbst zu verlieren. Soviel Respekt müssen wir für unsere Mitmenschen aufbringen. Ich verwende hier das Wort Respekt und nicht Toleranz, denn Toleranz hat immer etwas Gönnerhaftes.

Hat diese Problematik nicht auch mit einem krisenhaften Identitätsgefühl zu tun?

vertlib: Wir müssen uns darüber klar sein, dass es im 21. Jahrhundert keine klare Identität mehr gibt. Im Unterschied zu früher werden Menschen heute durch Massenmedien und Globalisierung beeinflusst. Da entstehen dann oft parallele Identitäten. Die eigene Identität in einem globalen, größerem Ganzen zu sehen, ist eine Arbeit, die jeder leisten muss. Wenn jemand sagt, er sei Vorarlberger, dann muss er sich auch darüber Gedanken machen, dass er Österreicher ist. Auch im europäischen Kontext ist das wesentlich: Wir sehen, was in Griechenland passiert, wir sehen neue Zuwanderungsströme. Das erfordert von jedem die Beschäftigung mit diesem Thema – und Solidarität. Solidarität und Identität sind nicht zu trennen. Wer keine Solidarität empfindet, hat auch keine Identität, sondern nur Egoismus.

Welche politische Perspektive haben Sie auf Österreich?

vertlib: Ich sehe Öster­reich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Zum einen werden jetzt Skandale aufgedeckt, die bis vor einigen Jahren noch unter den Teppich gekehrt wurden. Positiv ist auch, dass es jetzt einen Integrations-Staatssekretär gibt – auch wenn er selbst keinen Migrationshintergrund hat. Vor zehn Jahren hätte die ÖVP die Forderung nach so einer Position nur ein müdes Lächeln gekostet. Andererseits herrscht in Österreich auch eine erschreckende politische Kultur: Dass gerade Menschen wie Dieter Egger, die sich mit anitsemitischen Äußerungen hervorgetan haben, Integrationssprecher werden, wäre in anderen Ländern nicht möglich. Das kommt aus einer starken Tradition von Menschenverachtung. Ein anderes Beispiel ist jener ÖVP-Nationalratsabgeordnete, der nach der Verhaftung von Dominique Strauss-Kahn einen unglaublichen, sexistischen Witz im Parlament gemacht hat – ganz öffentlich. Noch erschreckender als die Aussage selbst war die Reaktion in den Medien: Nach drei Tagen hat kein Hahn mehr danach gekräht, es wurde einfach hingenommen. Da sehe ich die Gefahr. Wenn so etwas heute möglich ist, was wird dann erst in zehn Jahren möglich sein? Das ist eine Entwicklung, die mit Jörg Haider begonnen hat: Die Hinnahme von menschenverachtenden Tendenzen. Und das kann gefährlich werden für unsere Gesellschaft. Vor allem, wenn die Wirtschaftskrise in Österreich ankommt. Dann kann es sein, dass ich mich zu fürchten beginne. Wenn ich sehe, dass Menschen wie Egger die Landespolitik dominieren, dann würde ich mir wünschen, dass sich eine positivere und ausgeprägtere Haltung zu Intellekt und Geist in diesem Land durchsetzt. Ein gewisser emotioneller Analphabetismus ist in diesem Land doch bemerkbar.

Interview: angelika drnek

Vladimir Vertlib liest heute Abend um 20 Uhr auf Einladung des Franz Michael Felder-Archivs im Heimatmuseum Schruns aus seinem Roman „Schimons Schweigen“.

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