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Buch führen und auf Distanz gehen

Der Droschl Verlag publiziert Julien Gracqs „Aufzeichnungen aus dem Krieg“ – und öffnet damit auch den Blick in die Werkstatt des Autors.

peter natter

Bei Droschl legt man dieser Tage wiederum ein Werk von Julien Gracq vor. Es kann dem kleinen steirischen Verlag gar nicht hoch genug angerechnet werden, was er für das Werk von Julien Gracq vollbringt. In der bewährt einfühlsamen und kenntnisreichen Übersetzung von Dieter Hornig sind es zwei im Nachlass von Gracq aufgetauchte Texte, die, gut fünf Jahre nach dem Tod des Autors (1910 – 2007), erstmals publiziert werden.

In den „Aufzeichnungen aus dem Krieg“ beschreibt der junge Leutnant Gracq die letzten Wochen vor seiner Gefangennahme durch die Deutschen am 2. Juni 1940. Davor marschiert Gracqs Kompanie kreuz und quer in der Gegend von Dünkirchen herum. Vom Bataillonskommando im Stich gelassen, ist das Unternehmen im besten Fall komisch, in Wirklichkeit aber dramatisch und geht nicht ohne Verluste ab. Leutnant Gracq führt Buch, kommentiert, spricht zu sich selbst, geht auf Distanz, interpretiert. In allem aber erweist er sich als großer Satiriker und Autor, der mit einem ebenso literarisch fundierten wie historisch versierten Maß misst: „In der Natur untergetaucht – ja, genau das. Zu meiner Linken, zu meiner Rechten – niemand, oder in sehr weiter Ferne. Die Mauern der Pappeln umschließen uns. Was für ein bukolischer Krieg! Es ist ausgeschlossen, dass in einem solchen Paradies etwas schiefgeht.“ Keine Zeile später aber heißt es: „Tatsächlich geht natürlich auf allen Seiten und in jeder Hinsicht alles schief, was schiefgehen kann!“

Jünger und Gracq

Nicht von ungefähr wird der Leser in diesem Text immer wieder an die Kriegs(tage)bücher von Ernst Jünger erinnert: „Merkwürdig, wie leicht, wie überempfindsam man in diesen Stunden lebt, die eigentlich angespannt, ernst und drückend sein müssen. Gänzlich gedankenlos.“ Später in diesem eigenartigen Krieg werden sich Jünger und Gracq in Paris begegnen. Das Bukolische, das „Häusliche“ dieses abenteuerlichen Feldzuges bringt aber in Gracqs Schilderung umso härter die Teufelsfratzen des Krieges zum Vorschein: „Aus unserer hoffnungslosen Lage erwächst, anders als man hätte erwarten können, weder Gemeinschaftsgefühl noch Herzlichkeit. Jeder zieht sich in sich selbst zurück, in seinen harten Kern, und vielleicht habe ich in keinem anderen Moment des Krieges bis zur Peinlichkeit gespürt, wie verlogen und hohl die Beziehungen zwischen Männern sind.“

Im zweiten Teil des sehr sorgfältig gestalteten Droschl-Bandes findet sich eine schlicht „Erzählung“ genannte Erzählung. Hier sind die Erfahrungen des Tagebuchschreibers zu Literatur geworden. Ein direkter Blick in die Werkstatt des Schriftstellers wird möglich. Das Poetische – „Frauen kämmten sich an den Waggontüren, die schweren Strähnen ihrer gelösten Haare wirkten so fremd im Grau des Krieges und erinnerten jäh an lockende warme Tiere in den Wäldern.“ – neben der Einsicht in das dunkel Schicksalshafte: „Denn die Menschen haben, mehr als man denkt, die Macht, den Tag zur Nacht zu machen.“ Julien Gracq, dessen Werk bereits zu Lebzeiten des Autors im französischen Bücher-Olymp der edlen Pléiade-Ausgabe anlangte, spricht zu uns wie aus der Vergangenheit und aus der Zukunft gleichzeitig. Wir tun gut daran, ihm zuzuhören.

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