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interview

Musik und Raum: Inspiration und Obsession

Seit Jahrzehnten arbeiten die beiden Künstler Julyen Hamilton und Barre Phillips zusammen – der eine als Tänzer, der andere als Musiker. Diese Woche leiten sie einen Workshop mit Künstlern aus Vorarlberg – auf Einladung von netzwerkTanz und Brigitte Jagg.

Was macht Sie tanzen?

julyen hamilton: Nun, es ist meine Berufung, meine Profession, „my dedication.“ Wenn ich tanze, wird etwas gesagt, und das will ich teilen.

Sie sind dafür bekannt, dass Sie ganz gezielt mit dem Körper arbeiten. Aber gilt das nicht für den gesamten zeitgenössischen Tanz?

hamilton: Es ist bei künstlerischer Arbeit immer möglich, einen Stil zu kopieren und ihm zu folgen. Oder man geht direkt in die Materia physica dessen, wofür man sich interessiert. Für mich ist der menschliche und der soziale Körper immer das Relevante. Wie das dann auf der Bühne aussieht, ist weniger wichtig als das eigentliche Arbeiten am Material. Ich habe keinen Stil gewählt und beschlossen, in diesem Stil zu arbeiten, sondern ich habe mich für den menschlichen, emotionalen, physischen und sozialen Körper entschieden.

Was ist ein sozialer Körper?

hamilton: Ich meine damit, wie wir miteinander leben. Als Frauen und Männer mit anderen Frauen und Männern, mit Gruppen und so weiter.

Wo liegen in Ihrer Herangehensweise die Unterschiede zwischen einem Solostück und der Arbeit mit anderen auf der Bühne?

hamilton: Wenn ich ein Solostück tanze, mache ich, was in einem Duett oder Trio nicht geht. Und wenn ich ein Duett tanze, passiert etwas, das niemals in einem Solostück passieren könnte. Es ist nahezu eine andere Sprache – und abhängig vom Wunsch, zusammenzuarbeiten oder als Solist auf der Bühne zu stehen. Du kannst kein Solostück machen, wenn der Wunsch nicht vorhanden ist, auch zu hören, was in diesem einen speziellen Stück geschieht.

Viele Tänzer arbeiten mit Musik aus der Konserve. Sie arbeiten – auch diesmal wieder – mit Musikern auf der Bühne. Warum?

hamilton: Theater ist solch eine wundervolle Arena, in der menschliche Körper wirklich sein können. Livemusik, die Intelligenz der Musiker, ist um so viel vielfältiger und präsenter als Musik aus der Konserve. Meine Liebe zu Livemusik gründet sich auch auf den Umstand, dass nicht nur ich die Musik, sondern die Musik auch mich hören kann. Dieser Dialog bringt mich weiter als nur meine eigene Fantasie. Wenn man mal mit einem guten Musiker zusammengearbeitet hat, dann ist ein CD-Player nicht mehr allzu attraktiv. Ich bin eben verwöhnt.

Was werden Besucher Ihres Programms am Donnerstag­abend im Kosmostheater sehen?

Barre phillips: Julyen und ich werden ein Duett zeigen. Eine Komposition, die sich über die Jahre immer weiterentwickelt hat. Und es geht immer noch weiter. Auch die 21 Künstler, mit denen wir derzeit arbeiten, werden da sein. Und die wollen etwas sehen!

Wie kam es eigentlich zu Ihrer Zusammenarbeit?

phillips: Eine französische Kollegin hat vor 20 Jahren zu mir gesagt: „Du musst unbedingt Jul­yen treffen!“

hamilton: Und zu mir hat sie gesagt: ‚Du musst unbedingt Barre treffen!‘. Es war französische Diplomatie – und es hat funktioniert!

Was hat sich für Sie als Musiker durch die Zusammenarbeit geändert?

phillips: Ich bemerkte plötzlich, dass der normale Musiker, der ich damals war, keine Ahnung hatte von Raum – und keine von der Macht der Musik. Bis dahin dachte ich, man geht in den Club, spielt, alle haben Spaß und das war’s dann. Ich war in diesem abstrakten Raum der Musik gefangen. Die Distanz zwischen Musiker und Publikum wird immer nur von der Akustik gefüllt. Doch dann änderte sich mein Blick auf mich selbst: Ich war nicht mehr der Unsichtbare, der Musik produziert, sondern jemand, der auf der Bühne präsent ist. Bis dahin habe ich mich in der Musik versteckt – vor dem Leben und vor mir selbst. Sobald sich der Raum für mich öffnete, konnte ich auch selbst aufmachen.

Wie erleben Sie als Tänzer den Raum?

hamilton: Der Raum ist der Ort, wo sich Menschen treffen. Besonders natürlich Tänzer, die ja mit ihrem Körper arbeiten – aber eben auch mit dem Raum. Sonst wäre es nur eine Abfolge von Bewegungen. Sobald der Körper den Raum um sich herum fühlt, wird er zum Tier – und eventuell sogar zum Menschen. Es geht immer auch darum, wo wir gerade nicht sind. Musik ist immer eine große Inspiration – Raum aber ist eine Obsession.

Interview: angelika drnek

termine

Julyen Hamilton & Barre Phillips: Heute 20 Uhr,
Kosmos Theater Bregenz.

reSearch-Showing: Freitag, 18.30 Uhr. (Julyen Hamilton & Barre Phillips und Teilnehmer des Workshops), Kosmos Theater Bregenz.

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