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interview

„Wenn die ­Qualität stimmt, dann passt das“

Erstmals gestalten die Chorakademie Vorarlberg und das Symphonieorchester Vorarlberg zusammen ein Konzert. Dirigiert wird es von Markus Landerer, den wir zum Gespräch trafen.

Herr Landerer, Sie sind Domkapellmeister zu St. Stephan in Wien, moderieren eine Sendung bei Radio Stephansdom und wurden vor einigen Wochen Vater. Was bewegt Sie, zusätzlich nach Vorarlberg zu kommen und hier einmal im Jahr ein Projekt mit der Chorakademie Vorarlberg zu leiten?

Markus Landerer: Alle, die in der Chorakademie Vorarlberg mitmachen, tun es mit viel Engagement. Es wird intensiv geprobt und es kommt in der Regel etwas wirklich Gutes heraus. Das motiviert mich, jedes Jahr ein Projekt hier in Vorarl­berg in meinen Kalender einzuplanen. Ich leite sämtliche Proben selbst und kann meine Vorstellungen von Anfang an verwirklichen. Wenn die Qualität so stimmt wie bisher, dann passt das für mich nach wie vor.

Bisher wurden die Konzerte vom Verein selbst organisiert, in teilweise weder für die Sänger noch für das Publikum bequemen Kirchenräumen. Nun wurden sie ins Abonnement des SOV aufgenommen. Sehen Sie das als Weiterentwicklung?

Landerer: Natürlich freut uns das, aber man muss abwarten, was das für die Zukunft heißt. Aber dennoch, der Saal im Konservatorium ist für den Chor eine Herausforderung. Der Chor steht in der Hinterbühne, da muss man in der Einstudierung berücksichtigen, dass es kaum einen Nachhall gibt. Im Bregenzer Festspielhaus singt es sich natürlich sehr angenehm.

Zum Programm: Zwei von den drei Werken sind zeitgenössisch.

Landerer: Die ganze erste Hälfte des Konzertes ist zeitgenössisch und „Litany“ von Arvo Pärt ist mit Richard Dünsers „Süsskind-Szenen“ dadurch verbunden, dass die jeweiligen Texte sehr alt sind. Pärt hat die vierundzwanzig Stoßgebete für die vierundzwanzig Stunden des Tages und der Nacht von Johannes Chrysostomos, der im vierten Jahrhundert gelebt hat, vertont. Und Dünser hat Texte des jüdischen Minnesängers Süsskind von Trimberg aus dem 13. Jahrhundert verwendet.

Warum ist der Text bei Arvo Pärt englisch?

Landerer: Pärt hat „Litany“ 1994 zur Uraufführung beim Oregon Bach Festival in den USA für Helmut Rilling geschrieben, daher sind Titel und Text englisch. Es gibt von Pärt sehr wenige oratorische Stücke, also solche mit größerem Orchester, Chor und Solisten. Es ist ein sehr sensibles Stück und es ist sehr schwer, dieses jenseitige und zeitlose Strömen herauszuholen, den Spirit also. Alle Mitwirkenden müssen mitempfinden, was hinter dieser Musik liegt. Die Gefahr besteht, dass Pärts einfacher Komponierstil nur simpel klingt. Der Wechsel von den Tages- zu den Nachtgebeten ist sehr sinnfällig gemacht. Das Publikum kann die Struktur gut mitvollziehen.

Können Sie schon Näheres sagen über Dünsers Werk, das hier uraufgeführt wird?

Landerer: Die Texte von Süsskind von Trimberg sind erstaunlich heutig. Da geht es um das Scheitern eines Künstlers, um das Vergebliche vieler unserer Bemühungen und um die Juden-Thematik. Dünser hat durch seine Musik dabei zusätzlich auf den Holocaust hingewiesen. Der dritte von den vier Sätzen ist ein Lob der Frau, also ein Minnelied im eigentlichen Sinn. Darin spielt die Tonart H-Dur eine große Rolle, in Anspielung auf den Namen von Dünsers Frau Hanna. Also ist dieser Satz recht nah am Tonalen und sehr liedhaft. Für den kundigen Hörer gibt es Anklänge an Richard Strauss’ „Rosenkavalier“. Insgesamt hat Dünser, ausgehend von der Zweiten Wiener Schule, eine Tonsprache entwickelt, die sehr gut hörbar ist.

Haydns „Paukenmesse“, die nach der Pause kommt, haben in den vergangenen Monaten drei weitere Chöre im Konzert gesungen.

Landerer: Das war uns bekannt, als wir sie aufs Programm gesetzt haben. Aber sie hat thematische Zusammenhänge zum ersten Teil, nämlich dieses Untergründige, das auch bei Dünser drinnen steckt. Da gibt es ganz fröhliche Stellen, doch die Pauke signalisiert immer wieder Krieg, der lateinische Titel heißt ja auch „Missa in tempore belli“. Die Messe ist für das Orchester sehr lohnend, es gibt im Gloria ein schönes Cello-Solo, und für den Chor ist sie wunderbar zu singen. Ich dirigiere die „Paukenmesse“ nun schon seit dreizehn Jahren, und ich kann sagen, dass ich eine Lesart, eine gewisse Tiefe der Gestaltung gefunden habe. Es freut mich, diese nun in einem Konzert anbieten zu können. Diese späten Messen von Haydn sind der Gipfel der geistlichen Musik der Wiener Klassik und zugleich der Gipfel von Haydns Symphonik. Diese Stränge laufen da zusammen. Ich will auch zeigen, wie viel von der beginnenden Romantik schon in dieser Messe zu finden ist.

Bitte erzählen Sie uns noch über Ihre Arbeit am Stephansdom.

Landerer: An sämtlichen Sonntagen und Feiertagen des Jahres wird von der Dommusik das Hochamt gestaltet. Davon sind etwa siebzig Prozent Orchestermessen mit Chor und Soli und dreißig Prozent A-cappella-Chormusik oder Chor und Orgel. Stilistisch geht die Bandbreite von der Gregorianik über die A-cappella-Renaissance natürlich zur Wiener Klassik, weiters zur Wiener Romantik mit Bruckner und Schubert und zur Pflege der zeitgenössischen Kirchenmusik. Letztere war sogar ein Schwerpunkt der vergangenen Jahre, denn wenn wir sie nicht machen, wo soll sie sonst erklingen? Wir haben zwei Chöre, einmal den Wiener Domchor, der an Größe und Ausbildungsstand der Chorakademie vergleichbar ist. Das sind auch Leute, die das als gute Liebhaberei pflegen. Und dann haben wir am Dom noch das Vokalensemble St. Stephan, das aus lauter Profis besteht. Das Orchester setzt sich zusammen aus Musikern der in Wien ansässigen Profiorchester. Das alles programmiere ich und dirigiere neunzig Prozent der Aufführungen. Ich habe aber immer wieder die Möglichkeit, zu Gastspielen zu reisen. So war ich letzte Woche beim Bayerischen Rundfunk, bin öfters beim Rias Kammerchor Berlin oder in Hamburg. Im Stephansdom machen wir regelmäßig auch Oratorienkonzerte, etwa fünf im Jahr. Und in den letzten Jahren hat es sich ergeben, dass die Dommusik im Goldenen Saal des Musikvereins ein Weihnachtskonzert gegeben hat.

Interview: Anna Mika

n Konzerttermine: 16., 17. und 18. Jänner, Festsaal des Landeskonservatoriums Feldkirch, jeweils 19.30 Uhr. 19. Jänner im Festspielhaus Bregenz, 19.30 Uhr.

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