Kontakt

Neue Zeitungs GmbH
Gutenbergstraße1
6858 Schwarzach

Phone: 0043 5572 501 500

Zeit-Lupe

Peter Natter

Sperrstund’ is!

So hat es früher geheißen, meist gegen Mitternacht. Nun habe ich jüngst nicht schlecht gestaunt, als durch die hiesigen Medien der Bericht von einem kleinstädtischen Sperrstundenaufstand zu mir gedrungen ist. Der Bürgermeister, ein passionierter Indianerhäuptling, wie es scheint, hat kraft seiner Autorität das Kriegsbeil ausgegraben und die Sperrstunde für einige Lokale von sechs Uhr morgens auf vier Uhr vorverlegt. Es gibt nichts, was es nicht gibt! Die gestrenge Maßnahme hat sowohl die ausgehwütige Jugend (Jugend?) als auch um ihren Umsatz besorgte Gastronomen auf den Kriegspfad gerufen; noch dazu, wo in diesen Kreisen gewöhnlich alles andere geraucht wird als die Friedenspfeife. Für mich persönlich und meine Freizeit- oder Lebensgewohnheiten hat die Maßnahme keine direkten Folgen. Zwischen vier und sechs Uhr morgens pflege ich im Normalfall nichts als den Schlaf. Da wird nicht einmal gelesen, ja sogar das Denken ruht. Meine Sicht auf die kleine regionale Welt allerdings hat einiges abbekommen durch den Blick auf die im Alpenstädtlein aufgebrochene Problematik und den medial vermittelten Blick auf die Nachtschwärmerkolonien.

Parallel dazu ist mir zufällig ein Büchlein in die Hand gekommen, in dem vom Umzug eines akademischen Ehepaars samt Sohn von der Universitätsstadt Tübingen in das Engadiner 900-Seelen-Dorf Sent die Rede ist. Während die Sperrstundenfetischisten eher ein Zudröhnproblem zum grölenden Ausdruck gebracht haben, geht es den Neo-Engadinern um mehr Wachheit in ihrem Leben. Dreimal dürfen Sie raten, wem meine Sympathie gehört. Warum? Weil „die wachheitsproduzierende Arbeit der Intellektuellen zu einer Überlebensbedingung für die Öffentlichkeit geworden“ ist, wie Peter Sloterdijk jüngst gesagt hat und (ganz ohne Sperrstunde, wie seinen Tagebüchern zu entnehmen ist) nicht müde wird zu wiederholen. Sloterdijk geht es darum, Komplexität des Denkens und Wahrnehmens, des Fühlens und Verstehens zu produzieren und damit Zustände der Selbstgefälligkeit zu unterbrechen. Sein Projekt ist es, Erfahrungen zu provozieren, die eine Wende des Subjekts gegen sich selbst bewirken. Seine Sympathie gilt Menschen, die sich Zeit für einen zweiten Blick auf ihre Reflexe nehmen, eine Ethik der Zurückhaltung üben, ein Exerzitium auf sich nehmen. Dafür immerhin könnte die Verlegung der Selbstbe­täubungs-Sperrstunde auf vier Uhr morgens ein Anfang sein.

Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Entdecken Sie die NEUE in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.