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Sucher nach Wahrheit

Mit Claudio Abbado ist einer der bedeutendsten Dirigenten der letzten Jahrzehnte gestorben.

Als das Orchestra Mozart in Bologna in der Vorwoche bekannt gab, es müsse seine Aktivitäten aussetzen, weil ihm sein Gründer Claudio Abbado aus gesundheitlichen Gründen nicht zur Verfügung stehe, musste man Schlimmes befürchten. Gestern ist der große Dirigent, der seit September nicht mehr auftreten konnte, in seiner Wohnung in Bologna gestorben.

Mit Claudio Abbado (80) verliert die Musikwelt einen ihrer bedeutendsten Dirigenten. Er hat mehr Spitzenpositionen bekleidet, als fast alle seiner Kollegen, und war doch nie vorrangig daran interessiert, Karriere zu machen.

Philologische Sorgfalt

Der gebürtige Mailänder hat sich vor allem durch seine große Ernsthaftigkeit ausgezeichnet. Effekt zu machen und Eindruck zu schinden, hat ihn nie interessiert. Seine Interpretationen basierten auf gründlicher Analyse, die es ihm erlaubte, meist auswendig zu dirigieren, und höchster philologischer Sorgfalt. Nicht die Aufführungstradition diente ihm als Maßstab, sondern ausschließlich der Wille des Komponisten. Als er mit dem Chamber Orchestra of Europe die Symphonien Franz Schuberts einspielte, die damals noch in keiner kritischen Edition vorlagen, ließ er die Autografe durchforsten und Unmengen von Fehlern und Retuschen aus dem Notenmaterial entfernen. Beim „Boris Godunow“ entschied er sich gegen die gängige Bearbeitung von Nikolai Rimsky-Korssakoff und für das ungleich kantigere Original, das sich seither weltweit durchsetzt.

Claudio Abbado war kein Mann großer Worte, er hat sich bei Proben nie in langatmigen Erklärungen verloren, sondern lieber an Details gefeilt, die dann bei der Aufführung, bei der er ungleich stärker aus sich herausging und sein suggestives Charisma gezielt einsetzte, im großen Kontext in voller Schönheit aufblühten. Auch deshalb, weil er immer auf maximale Transparenz achtete, sich nie unkontrolliert dem Klangrausch hingab. Was er auch immer dirigiert hat, Abbado trat stets hinter den Komponisten zurück und bewirkte mit seiner peniblen Genauigkeit manche Neubewertung.

In Österreich verwurzelt

Obwohl seine Engagements als Musikdirektor der Mailänder Scala und als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker Höhepunkte seiner Laufbahn darstellten, war seine Karriere doch auch eng mit Öster-
reich verbunden. Abbado hat in Wien bei Hans Swarowsky studiert, 1963 erstmals die Wiener Philharmoniker dirigiert und 1965 bei den Salzburger Festspielen debütiert. Er war unter Claus Helmut Drese ab 1986 Musikdirektor der Wiener Staatsoper, avancierte 1987 zum Generalmusikdirektor der Stadt Wien und gründete als entschiedener Vorkämpfer für das zeitgenössische Schaffen das Festival „Wien modern“. Von 1994 bis 2002 war er der künstlerische Leiter der Salzburger Osterfestspiele. Am Herzen lag Abbado auch die Nachwuchsförderung. Er gründete das European Community Youth Orchestra, das Gustav-Mahler-Jugendorches-ter und förderte das Chamber Orchestra of Europe. 2000 erkrankte er an Krebs, 2002 zog er sich von den Berliner Philharmonikern zurück und widmete sich neuen Klangkörpern, dem Orchestra Mozart in Bologna und dem Lucerne Festival Orchestra.

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