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Unpolitisch geht nicht mehr

Peter Sloterdijks Rede zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises: „Wachheits- zustände“ garantiert.

Zur Abwechslung kommt ein schmales Büchlein aus der Feder des Vielschreibers und Großdenkers Peter Sloterdijk. Eigentlich eine Rede, die Dankesrede anlässlich der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises. Auf den gut fünf Dutzend Seiten hat auch die Laudatio von Hans Ulrich Gumbrecht Platz gefunden, zu Recht. Ers­tens hat er seinen Freund Slo­terdijk für den Preis ausgewählt, zweitens kennt er seine Kompetenz. Weil Sloterdijk in seinem Denken und Auftreten nicht unumstritten ist und Preise immer auch Neider auf den Plan rufen, rechtfertigt sich Gumbrecht mit schlagenden Argumenten. Für die „Erzeugung von Wachheitszuständen“ bei seinen Lesern lobt er den Philosophen, denn diese „wachheitsproduzierende Arbeit der Intellektuellen ist zu einer Überlebensbedingung für die Öffentlichkeit geworden“. Sie müsste es nur endlich realisieren, anstatt „blindlings zwischen unterhaltungsgemeinschaftlichem und kampfgemeinschaftlichen Zustand zu oszillieren“, wie der Ausgezeichnete seinerseits konstatiert.

Der Suhrkamp Verlag verlegt den Text seines Hausautors im Gefolge der Tagebücher Sloterdijks gewissermaßen als Prolog zum nächsten größeren Werk über „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ (April 2014), ein „Schwarzbuch über die Zukunft“ – und damit genau in jene Kerbe schlagend, die auch im vorliegenden Büchlein zur unumkehrbaren Belehrung der Leser einige wohl gezielte Hiebe abbekommt.

Dass man „im Prozess der Demokratie mehr und mehr auch für seine Feinde verantwortlich wird“, und dass „der Sumpf aus Bürokratismus, Ökonomismus, Monetarismus und Prozeduralismus, in dem alles versinkt“, das Gehen erschwert, sind Erfahrungen, die für den halbwegs Wachen zum täglichen Brot gehören. Ebenso die Präsenz der „Herumsteher und Schattenmacher“, die sich so gerne unentbehrlich geben und allen den besten Dienst erweisen würden, wenn sie, wie schon der von Sloterdijk gern zitierte antike Philosoph gemahnt hat, einfach aus der Sonne gingen (gemeint sind damals wie heute zuerst die Herrschenden).

Weil Theorie mehr sein muss als eine lässig geduldete „Zugabe zur Wellness“, und weil „Erfahrung (das) ist, was eine Wende des Subjekts gegen sich selbst bewirkt und die vernich­tende Befreiung von einer Vormeinung mit sich bringt“, genau deshalb ist die Lektüre dieser beiden Gelegenheitstexte eine wundersame Gelegenheit zur Einkehr und zum Aufbruch gleichermaßen; auch zu jenem Aufbruch, der durch den Zusammenbruch alter politischer und gesellschaftlicher Ordnungen notwendiger ist denn je.

peter natter

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