Des Kaisers neue Kleider

Alt-Landeshauptmann Martin Purtscher legt zu seinem 85. Geburtstag einen Memoirenband vor. Der Kaiser präsentiert sich in Schnappschüssen aus dem Familienalbum.

gabriel r. zengl

Vom Bergbauernbuben zum Staatsmann, das ist ein steiler Weg. Naturgemäß geht es dabei bergab. Es ist das Hineingezogenwerden in das Persönlichste und Familiärste – bei aller staats- und weltmännisch inszenierten Geste der Bescheidenheit –, was an diesem Buch von der ersten bis zur letzten Seite (ver)stört. Gefördert wird die Irritation durch die Typografie des Textes: Mindestens sechs verschiedene Schreibweisen: Fettgedrucktes, Unterstrichenes, Kapitälchen wort- und satzweise usw. in beliebigen Kombinationen versperren jeden Durchblick. Eine schier unglaubliche Zahl von Sprach- und Schreibfehlern sowie Inkonsequenzen bei Namen (Karl oder Carl Popper?) und Zahlen machen die Lektüre zu einem Spießrutenlauf. Daran ändern die zahlreichen Zitate nichts. Was es mit ihnen in Wirklichkeit auf sich hat, macht ein besonders drastischer Lapsus deutlich. Da ist einer Kapitel-Überschrift ein Zitat von Francis Bacon hinzugefügt. Als Quelle des Zitats wird angegeben: „Wissen ist Macht“. Das aber ist kein Werk, es ist seinerseits ein (allzu oft zitiertes) Zitat. Worin also bestanden die „Geduld und Präzision“, für die die akademische Lektorin ausdrücklichen Dank des Schreibers erntet, und worin die Korrekturen der Tochter?

Der Inhalt? Da ist alles vertreten, was eine Manager- und Politikerkarriere ausmacht. Vielleicht kommt von daher die unerträgliche Redundanz des Textes. Wozu die ständige Selbstermunterung, für das eigene unfassbare Glück mit der Familie und den Freunden dankbar zu sein? Vorarlberger Industrie- und Wirtschaftsgeschichte oder die Nachkriegspolitik: Das ist andernorts um Welten professioneller, sachlicher, klarer aufgearbeitet worden als im vorliegenden Werk. Wie heißt es auf Seite 5: „Der Kreis der Interessenten eines Politiker-Buches ist beschränkt.“ Dem mag ich in beiden Bedeutungen, die dieser Satz, eine der vielen Stilblüten in den „Berührungspunkten“, hat, nicht widersprechen. Wenn es denn ein Politiker-Buch wäre! Aber es oszilliert planlos zwischen Ahnenforschung und Morallehre, mit eindeutigem „Tea-Party“-Wertekanon, zwischen Familien- bzw. Eheerzählung bis hin zum bunten Schnupftuch im Hochzeitsfrack, mit Souvenirs von der Schokoladenseite des Lebens, aus der Gemeindestube, dem Land- und verschiedenen Parteitagen. Natürlich begegnet man allem, was in der Vorarlberger Politik und Society Rang und Namen gehabt hat in den letzten 50 Jahren. Wer will das heute noch? Das war wohl alles gut gemeint, getroffen jedoch hat es gar nichts.

Nicht einmal der Rückgriff auf höchste Geistes-Autoritäten rettet das Palaver. Das Alt-Landeshauptmannsporträt auf dem Buchcover zeigt sich übrigens, wenn man wärmend die Hand auflegt. Muss man aber nicht. Wie tut angesichts des nackigen Herrschers Kindermund kund: „Da ist doch gar nichts dran!“ Oder so ähnlich.

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