Balkonlöwe ist verstummt

Der legendäre österreichische Kulturkritiker Karl Löbl ist 83-jährig verstorben.

Sein Urteil wurde oft noch mit rauschendem Applaus im Rücken gefällt: Karl Löbl hat nicht nur unmittelbar „Nach der Premiere“ das Stilempfinden einer ganzen Generation von Klassikkonsumenten geprägt. Anfang dieser Woche ist der Doyen der österreichischen Musikkritik im Alter von 83 Jahren einem Krebsleiden erlegen.

Von der noch britischen Nachkriegspresse über die Chefredaktion beim „Kurier“ zum ORF-Kulturchef und zuletzt als Kritiker für „Österreich“ machte Löbl in der heimischen Kultur- und Medienlandschaft an vielen ihrer markantesten Punkte Station. Im Frühsommer 2013 habe er an eine Handvoll Freunde und Kollegen ein Mail geschrieben, so der „Standard“. Das Blatt zitierte daraus: „Nach zwei Krebsoperationen und trotz mehrmaliger Chemotherapien wollen die Karzinom-Herde von mir nicht lassen, haben sich jetzt der Leber und Lunge bemächtigt.“

Karl Löbl wurde am 24. Mai 1930 in Wien geboren. Nach der Matura studierte er zunächst Musikwissenschaft und Theaterwissenschaft und besuchte ein Seminar für Musikkritik, von dessen Leiter er direkt zur zunächst noch britischen „Weltpresse“ geholt wurde. Als 20-Jähriger begann Löbl seine Laufbahn als Musikkritiker und galt bereits wenige Jahre später während seiner Zeit beim „Bild-Telegraf“ als berüchtigt: Bei einem Interview mit dem damaligen Staatsoperndirektor Karl Böhm entlockte er ihm die Aussage, dass er seine internationale Karriere nicht der Staatsoper zu opfern gedenke – was dem Direktor seinen Pos­ten kostete und den Weg frei machte für die Direktion von Herbert von Karajan.

Programmänderung

Aus dem „Bild-Telegraf“ wurde der „Express“, wo Löbl ebenfalls unter Gerd Bacher tätig war. Die 70er-Jahre verbrachte Löbl beim „Kurier“, zunächst als Kulturchef, von 75 bis 78 als Chefredakteur, dann wieder als Kulturchef. 1980 holte ihn Gerd Bacher 50-jährig als Leiter der Kulturabteilung zum ORF. In Funk und Fernsehen war Löbl freilich bereits vorher einem breiten Publikum bekannt: Ab 1968 gestaltete er die fast 30 Jahre laufende Radiosendung „Lieben Sie Klassik?“, von 1995 bis 2003 den „Klassik-Treffpunkt“, ebenfalls auf Ö1. Von seinen TV-Kommentaren „Nach der Premiere“ kannte das Publikum den schnellen, stets präzise formulierenden Kritiker direkt aus dem Schlussapplaus. Er genieße die Kultur mehr, wenn er darüber schreiben dürfe, gab er einmal zu. Zuletzt erschien sein Buch „Der Balkonlöwe“. Der ORF ändert sein Programm und sendet heute ab 19.55 Uhr auf ORF III ein „Kultur Heute Spezial“ über Karl Löbl. Am Sonntag um 9.05 Uhr wird ein Nachruf ausgestrahlt (ORF II) und auf Ö1 widmet sich Otto Brusatti am Samstag um 10.05 Uhr dem verstorbenen Kulturkritiker.

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