Eine Akte wird zum Film

Regisseur Alain Gsponers Spielfilm „Akte Grüninger“ feierte am Dienstag Österreich-Premiere in Hohenems. Gsponer über Paul Grüninger, Verleumdungen und dichte Grenzen.

Nach den Verfilmungen von Otfried Preußlers „Das kleine Gespenst“ und Martin Suters „Der letzte Weynfeldt“ haben Sie sich nun einer historischen Persönlichkeit angenommen. Warum ausgerechnet Paul Grüninger?

alain gsponer: In den 90er-Jahren erschien Stefan Kellers Buch zu Grüninger – und auch der Dokumentarfilm. Damals war ich noch Filmstudent. Bei einem Festival in Braunschweig lief dann ein Kurzfilm von mir als Vorfilm zu dieser Doku. Schon damals habe ich mich lange mit dem Stoff auseinandergesetzt. Und nun kam die Produktionsfirma, mit der ich schon „Der letzte Weynfeldt“ gedreht habe, auf mich zu. Sie wollten ein neues Projekt realisieren, einen Film über Paul Grüninger. Über dieses Thema konnte ich natürlich referieren und da wussten sie, dass ich der Richtige für den Film war.

Sie waren sozusagen schon vor diesem Film ein Grüninger-Experte.

gsponer: Experte ist vielleicht übertrieben, aber im Grunde ja. Natürlich musste ich mich wieder in das Thema einarbeiten.

Das, was Grüninger getan hat, ist zumeist am Papier passiert. Welchen Ausweg fanden Sie, um das zu bebildern?

gsponer: Das war tatsächlich ein Problem. Man fokussiert schon auf Dinge, die eine Aktion in sich bergen. Die Aktion, die Grüninger hauptsächlich gesetzt hat, war Dokumente zu fälschen. Das kann man ein Mal zeigen und dann hat man’s verstanden. Aber er hat auch viel anderes getan. Es gab genügend Plot. Allerdings ist es so, dass es im Film im Kern zwar um Paul Grüninger geht, aber es war eine ganze Region, die den Juden geholfen hat. Gleichzeitig gibt es eine weitere Figur, die durch den Film führt. Ein ermittelnder Bundespolizist. Mit ihm kann man entdecken, was da wirklich passiert ist.

Ist nun Paul Grüninger im Film ein Gutmensch durch und durch?

gsponer: Nein, gar nicht. Grüninger ist als Mensch wahnsinnig spröde, wenig kommunikativ. Das ist also in dem Sinne kein sympatischer Mensch. Es gibt nur einen Bereich, in dem er relativ konsequent ist: Wenn es drum geht, Menschen zu helfen. Er hat das auch gar nicht wirklich reflektiert. Seine Herangehensweise war eher pragmatisch: „Hier gibt es ein Problem, das gelöst werden muss. Also löse ich es.“ Er ist überhaupt kein Heldentypus. Wenn schon, dann ein stummer Held. Er wollte das auch selbst nicht sein. Das war ihm nicht wichtig. Auch später hat er nicht darum gekämpft.

Wie führen Sie Ihre Schauspieler, wenn diese keine rein fiktive, sondern eine historische Figur spielen?

gsponer: Wir haben natürlich viele Fakten über Grüninger, aber keine Dokumente über Dialoge – bis auf einen einzigen. Die Figur des Robert Frei ist aus verschiedenen Personen zusammengesetzt. Da hatte ich viel mehr Freiheiten. Bei den anderen Figuren muss man erst recherchieren, danach aber muss man sich davon wieder lösen, um eine wirklich dreidimensionale Figur zu entwickeln. Der schwierige Moment ist jener, in dem man entscheidet, dass nun genug recherchiert wurde. Wir machen ja kein Reenactment, sondern einen fiktionalen Film, der auf realen Tatsachen basiert – etwas Neues.

Bei den Solothurner Filmtagen wurde der Film zum ersten Mal gezeigt. Wie ist er angekommen?

gsponer: Angekommen ist er sehr gut. Ruth Dreifuss, die Tochter von Sidney Dreifuss, war bei der Premiere. Der Film behauptet ja, dass Dreifuss Grüninger – zumindest teilweise – verraten hat. Sie hat das akzeptiert und fand den Film richtig gut. Und selbst Menschen, die Grüninger kannten, waren da. Die fanden seine Persönlichkeit sehr gut getroffen im Film. Für mich war es natürlich eine große Ehre, gerade bei diesem Fes­tival den Film zu zeigen. Es waren alle Bundesräte da. Das war auch ein Zeichen dafür, dass die heutige Regierung in der Schweiz anders ist – und dass die damalige falsch gehandelt hat.

Inwieweit lässt sich das Thema des Films in die Jetzt-Zeit ziehen?

gsponer: Es gibt viele Parallelen. Der Film fragt den Zuschauer: „Wie würde ich handeln?“ Darum geht es eigentlich – und das ist sehr aktuell. Europa hat genauso die Grenzen geschlossen wie damals die Schweiz. Und das führt zu Konsequenzen.

Was war Ihre größte Befürchtung, als Sie das Projekt übernommen haben?

gsponer: Wir haben historisch extrem genau gearbeitet, haben aber auch Verleumdungskampagnen erwartet – und so kam es auch. Dieser Schmerz steckt offenbar nach wie vor in der Schweiz. Darüber war ich selbst überrascht.

Interview: angelika drnek

Offizieller Kinostart: 31. Jänner (Cineplexx Hohenems, Kino Rio Feldkirch)

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