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Peter Natter

Das Kind im Manne

Der unterschätzte Mensch“, so lautet der Titel eines schwerwiegenden zweibändigen Werkes von Oskar Negt und Alexander Kluge aus dem Jahr 2001. Der unterschätzte Mensch: Das ist die eine Seite der Geschichte, die eindeutig philosophische; es ist die vernachlässigte, die mit Füßen getretene, die im Sog von Kommerz und Geistesträgheit darbende. Die andere Seite ist demgemäß der überschätzte Mensch. Er scheint nur deshalb im Recht zu sein, weil er sich gerne in grellem Licht präsentiert, aggressiv, kaltschnäuzig, mit kurzlebigen Erfolgen prahlend. In diesen Tagen und Wochen frage ich mich oft, welche Seite uns alltäglich mehr zu schaffen macht. Der Blick nach Kiew macht mich glauben, es sei der unterschätzte, der geknechtete Mensch, der dort mit dem Mut der Verzweiflung, den eigenen Tod in Kauf nehmend, aufsteht und sich zur Wehr setzt. Der Blick nach Sotschi und nicht zuletzt ins Österreicherhaus will mir mit fast ebensolcher Heftigkeit das Gegenteil beweisen. Feiern mit dem russischen Machthaber: Wie leicht kann das ins Auge gehen! Oder: Wie ein Heiland sei dort der Superstar Marcel Hirscher den Geschlagenen und Enttäuschten, den Medaillenlosen erschienen, hat es in einem Tageszeitungskommentar geheißen. Ein vorläufig blecherner Heiland; und natürlich ein total überforderter Heiland und ein klassischer, nein: ein tragischer Fall von überschätztem Mensch.

Fast muss man dankbar sein, wenn sich die falschen Helden selbst demontieren. Aber leicht macht es ihnen das Publikum nicht. Sie müssen sich schon zuschütten, selbst wenn es ganz privat geschieht, und dann müssen sie auch noch das wichtigste Spiel des Jahrhunderts verlieren, die NHL-Stars mit ihren 50-Millionen-Dollar-Verträgen, damit man es ihnen glaubt: dass sie auch Menschen sind, nur Menschen. Genau in dieser Herabstufung auf das Nur-Mensch-sein liegt aber das Drama, der Trugschluss, der das Publikum und seine Stars von einem Extrem ins andere peitscht, nicht zur Ruhe und ganz sicher nicht zu sich selbst kommen lässt. Damit auch zu einer Selbsteinschätzung, die zwischen Unter und Über eine Mitte findet, eine Basis, den berühmten archimedischen Punkt, von dem aus das Menschsein zu seiner Erfüllung aufbrechen könnte. Es ist gut, wenn morgen die olympische Bühne wieder abmontiert wird. Nicht zuletzt, weil aus der Überschätzung eine schwer zu ertragende, destruktive, unmenschliche Überheblichkeit entsteht.

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