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Die Kunst, der Markt und die Langeweile

Hanno Rauterberg, Kunsthistoriker, „Zeit“-Redakteur und Buch-Autor, beschäftigt sich mit Fragen zum Kunstbetrieb. Am Montag war er zu Gast bei der Veranstaltungsreihe „Heute reden wir über …“ in Lustenau.

Sie schreiben: „Kaum etwas liebt der Mensch der Gegenwart mehr als die Kunst, und das ist keine gute Nachricht.“ Warum?

hanno rauterberg: Man könnte sagen: Sie wird zu Tode geliebt, sie verliert ihren Stachel. Während sowohl im Theater als auch im Kino die Besucherzahlen sinken, steigen diese in den Museen in den vergangenen Jahren. Es gibt mehr Museen, Galerien, Messen, die Kunst ist beliebter denn je. Und das führt zu einer gewissen Inflationierung, und die Kunst wird in gewisser Weise gewöhnlich, nichts Besonderes mehr wie früher. Hinzu kommt, dass die Kunst auch starken ökonomischen Zwängen ausgesetzt ist. Man kann mit einem Kunstwerk wunderbar Handel treiben. Man kann damit spekulieren, und es gibt eine ganze Reihe von Sammlern, die das auch systematisch tun. Sie kaufen viele jüngere Künstler auf – in der Hoffnung, einer davon könnte der nächste Topseller werden. Das führt zu einer Verzerrung des Kunstgefüges und dazu, dass Künstler anfangen, für diesen Markt zu produzieren und sich womöglich selbst nicht so treu sind, wie es sinnvoll wäre.

Welchen Beitrag zur Entzerrung des Kunstgefüges kann die Kunstkritik leisten?

rauterberg: Die Kritik kann immer wieder beschreiben, wie sich bestimmte Machtstrukturen innerhalb des Kunstbetriebs verändern, wie heute überhaupt Kunst in Museen kommt und was diese Ausstellungshäuser eigentlich treiben – und sie kann sich stellvertretend für den Betrachter Kunstwerke ansehen. Sie kann darüber schreiben, ob das gute Kunst ist und wenn ja, in welchem Sinne.

Wann beginnt denn für Sie etwas Kunst zu sein?

rauterberg: Ich glaube, die Grenzen sind sehr weich, während das bei der Literatur ganz einfach ist. Das, was zwischen zwei Buchdeckeln ist, ist ein Buch.

Aber noch nicht unbedingt Literatur.

rauterberg: Nicht unbedingt Literatur, ja, aber immerhin ein Buch. In der Kunst gibt es auch immer wieder den Versuch, die Grenzen zu weiten. Künstler wie Manzoni zum Beispiel, der der Welt einen Sockel gebaut und sie damit zur Kunst erhoben hat. Ich denke, Kunst ist das, was wir Kunst nennen. Und wer das ist, der Kunst als solche bezeichnet oder anerkennt, darüber muss immer wieder neu gestritten werden.

Wo beginnt die Kunst für Sie persönlich?

rauterberg: Ich glaube, Kunst ist das, was Distanz hält, was mir erlaubt, von Üblichkeiten abzurücken. Etwas, das mich mit fremden Augen sehen lässt. Das muss nicht exotisch oder eine Flucht aus dem Alltag sein. Im Gegenteil. Es kann auch etwas sein, dass mich meinen Alltag sehen lässt – aber eben anders. Das sollte Kunst leis­ten. Nur sollte sie nicht beliebig sein, nicht so tun, als sei sie ein Teil der Normalwelt. Sie muss etwas Eigenes formulieren. Was dieses Eigene ist, kann sehr unterschiedlich sein.

Die Museen setzen auf Vermittlung. Viele Menschen stehen nach wie vor ratlos vor Zeitgenössischer Kunst. Woran liegt das?

rauterberg: Ich beobachte eher, dass Menschen mit einer gewissen Gleichgültigkeit durch die Museen laufen. Dass sich Leute aufregen, erlebe ich selten. Es herrscht eher eine Art Sprachlosigkeit vor, selbst bei Experten. Ein mit Argumenten ausgestattetes Gespräch gibt es selten.

Wie das?

rauterberg: Das hat auch mit den Künstlern selbst zu tun: Künstlern, die sich gegen Kritik wehren oder immunisieren. Das 20. Jahrhundert war stark geprägt von der Autonomie. Kunst war Kunst und nichts anderes. Da hatte auch niemand dreinzureden. Wer es doch gemacht hat, galt fast schon als Verräter der Kunst.

Und davon haben sich die Menschen beeindrucken lassen und angefangen zu schweigen?

rauterberg: Ich glaube schon, dass es eine gewisse Abkapselung gibt. Viele Künstler beziehen sich auf die Arbeiten anderer Künstler. Da kreist dann alles um sich selbst. Diese Selbstbezüglichkeit ist für jemanden, der sich nicht tagtäglich damit auseinandersetzt, nicht allzu erquicklich. Das gilt vor allem auch für die Konzeptkunst, in der es mehr um die Idee als um die Realisierung oder um ein sinnlich erfahrbares Werk geht. Manchmal ist die Ratlosigkeit vielleicht auch Teil des Kunstwerks. Es gibt aber umgekehrt auch Kunstwerke, die viele Menschen begeistern. Einzelne Künstler wie Olafur Eliasson beispielsweise schaffen Atmosphären, in denen sich die Leute sehr gerne aufhalten – selbst Kinder. Das ist dann auch nicht mehr elitär. Es gibt eben unterschiedliche Facetten.

Manche Künstler scheinen in einer gewissen Nostalgie zu schwelgen, schreiben Sie. Was meinen Sie damit?

rauterberg: Es gibt keine klassischen Rebellen, kein Aufbegehren mehr, keinen Vatermord. Das, was man bis vor 20 Jahren die Avantgarde nannte. Künstler also, die heftig am System rütteln, die sich unzufrieden zeigen mit den gesellschaftlichen Verhältnissen. Stattdessen sieht man oft ein etwas verklärtes Zurückschauen.

Rührt das von der Angst, sonst am Markt übrigzubleiben?

rauterberg: Das mag ein Motiv sein. Aber auch innerhalb der Künstlerszene fällt es vielen schwer, herauszustechen und abzuweichen. Moralisch oder politisch radikal zu sein, ist momentan in weiten Teilen des Kunstbetriebs nicht en vogue.

Gibt es kein Bedürfnis danach oder fällt niemandem etwas ein?

rauterberg: Ich denke schon, dass den Künstlern etwas einfallen würde.

Aber?

rauterberg: Vielleicht ist die Zeit vorbei, in der man der Kunst eine starke weltverändernde Bedeutung zumisst. Vielleicht auch zu Recht. Es gab immer wieder radikale Ideen, wie der Mensch durch die Kunst ein anderer werden könnte. Und das ist immer wieder missglückt. Die momentane Entwicklung kann auch gut sein: Weg vom Elitären und hin zu einer Kunst, für die sich mehr Menschen begeistern können. Ein selbstverständlicherer Umgang mit der Kunst. Das funktioniert vielleicht nur, weil die Kunst in ihren Ansprüchen abgerüs­tet hat.

Ich kenne einen Gerhard-Richter-Sammler, der sich immer wieder anhören muss, dass die Bilder Richters überschätzt sind. Wer hat recht?

rauterberg: Wenn sich jemand für die Kunst begeistern kann und bereit ist, dafür viel Geld auszugeben, dann ist das immer beeindruckend. Ob Richter überschätzt ist, müsste man genauer diskutieren. Jedenfalls ist er nicht jenes Geld wert, das heute für ihn gezahlt wird. Innerhalb der nächsten Jahrzehnte wird es da eine starke Korrektur geben. Spätestens zu dem Zeitpunkt, an dem die Erben der Sammler die Bilder verkaufen und dann eine ganze Reihe seiner Bilder auf den Markt kommt. Es war immer wieder so, dass Künstler, die zu ihrer Zeit sehr populär waren, innerhalb weniger Jahrzehnte in Vergessenheit gerieten. Das heißt aber nicht unbedingt, dass die Bilder dadurch schlechter werden. Es stört mich sehr, wenn der Marktwert mit der künstlerischen Qualität gleichgesetzt wird. Wenn ein teurer Künstler auch als der beste gilt, ist das absurd. Die Frage ist doch eher: Was fasziniert diesen Menschen an Richters Bildern? Für mich haben viele seiner Bilder etwas Kühles, Abweisendes. Mir fehlen die Details, das Unkontrollierte. Sie haben zwar eine hohe feinmalerische Qualität, aber das sorgt auch für eine gewisse Langeweile.

Wie generiert sich so ein ­Hype?

rauterberg: Es gibt bestimmte Moden – wie jetzt die Transavanguardia in London beispielsweise. Aber auch da sind es oft zwei, drei Sammler, die auf den Auktionen gegeneinander antreten. Da kommt ein Werk, das mit 500.000 Euro dotiert ist, gleich mal auf fünf Millionen, nur weil beide dieses Werk unbedingt haben wollen. Dann kommt es zu dem Effekt, dass dieser Künstler insgesamt höher gehandelt wird, denn eines seiner Werke hat ja schon mal fünf Millionen erzielt. So vollzieht sich eine Umwertung.

Kaufen Sie selbst Kunst?

rauterberg: Nein, denn damit würde ich mit Künstlern oder Galerien ein Geschäft machen, das meine Unabhängigkeit als Kritiker gefährden würde.

Der Grund ist also ein moralischer?

rauterberg: Kritik lebt davon, als nicht käuflich zu gelten – und das möchte ich mir bewahren.

Es ist also nicht so, dass Sie keine Bilder an der Wand hängen haben wollen?

rauterberg: Nun, jeder kennt den Effekt, dass Bilder nach einer gewissen Zeit verblassen – im übertragenen Sinn. Das ist für ein Kunstwerk kein schönes Schicksal. Abgesehen davon sind die meisten Wände bei mir mit Bücherregalen zugestellt.

Wie schätzen Sie eigentlich Cornelius Gurlitt ein? Ein Mann, der im Geheimen mit hunderten Bildern lebt.

rauterberg: Ich habe das Gefühl, dass er in gewisser Weise ein Gefangener seiner Kunst ist. Nicht jemand, der darunter gelitten hätte, der aber in dem Bewusstein gelebt hat, vor der Welt das bewahren zu müssen, was sein Vater zusammengetragen- oder gestohlen hat. Reine Spekulation natürlich, jedenfalls aber ein Leben für die Kunst.

interview: angelika drnek

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