Skandalstück auf der Bühne

Langen Premierenapplaus gab es im Vorarlberger Landestheater für Thomas Bernhards „Holzfällen“.

peter bader

Einen Prosatext als Theaterstück zu adaptieren bedeutet: Interpretation. Adaption ist immer auch ein Wagnis. Die Gefahr zu scheitern ist gegeben. Das Ensemble des Vorarlberger Landestheaters scheiterte am Mittwochabend nicht. Dirk Diekmann glänzte als „Schriftsteller“ ebenso wie Andreas Weißert als „Burgschauspieler“. In diesen beiden tragenden Rollen vermochten die beiden ein Stück zu stemmen, das als Roman 1984 einen veritablen Skandal hervorgerufen hatte.

Den Sog, in den man als Leser durch Bernhards musikalische, rhythmische Sprache unweigerlich hineingerät, entwickelt das Stück allerdings nicht. Dies ist wohl beabsichtigt. Diekmann zerhackt den Sprachduktus immer wieder bewusst, auch um Pointen zu setzen. Optisch erinnert seine Figur durch die blonde Perücke, den dünnen Pullover, die Hose, das Jackett, ja die ganze Körpersprache an Bernhard. Ein hübscher Einfall, kann man doch in dieser Figur das Alter Ego des realen Autors Bernhard sehen. Und: sein Sprachrohr, das sich in einer Suada von den anderen Gästen dieses „künstlerischen Abendessens“, das das Ehepaar Auersberg (Barbara Camenzind und Roland Ettlinger) zu Ehren des Burgschauspielers gibt, hassend abgrenzt. Diese Abgrenzung wird auch durch das Bühnenbild (Andrea Hölzl) verdeutlicht: Die künstlerische Gesellschaft – mehr oder weniger wortlose Statisten – agiert meist in einer Art Ausstellungspodest vor einer Leinwand, auf die unter anderem – auch als intertextueller Verweis auf den Roman „Der Untergeher“ – Glenn Gould projiziert wird. Hierbei ist das szenische Konzept besonders reizvoll durch die Idee, zwei unterschiedliche Zeitebenen sich überlappen zu lassen: Einerseits ist da die Ebene der Zusammenkunft in der Wohnung des Ehepaars Auersberg (in der Vergangenheit), andererseits wird die später erfolgende Reflexion dieser Zusammenkunft („Dachte ich auf dem Ohrensessel“) vorgeführt. Und: ganz wichtig – der Schreibvorgang. Diesen Vorgang, der in Bernhards (Prosa-)Werk sehr oft thematisiert wird, im Stück sichtbar zu machen, ist spitzfindig (Regie: Annegret Ritzel, ursprüngliche Fassung: Margarete Aman).

Aktuelle Bezüge

Spitzfindig ist auch, die Einsamkeit des schreibenden Menschen darzustellen, denn die Begegnung in dieser Wohnung findet statt, ohne dass persönliche Nähe entsteht. Auch wenn der Schriftsteller Sätze der anderen auffängt, sie wiederholt, in seine Schreibmaschine tippt: Die Distanz vergrößert sich, denn der Schriftsteller weiß sofort: Es war ein Fehler, die Einladung überhaupt anzunehmen. Berührend ist das Stück dort, wo der Schriftsteller gedanklich in seine Jugend zurückkehrt, mit leiser, sanfter Stimme von der Vergangenheit spricht. Etwa von seiner Freundschaft mit Joana. So wird auch das Prinzip des „odi et amo“ herausgearbeitet, das in Bernhards Gesamtwerk prominent ist.

Naturgemäß lässt man sich in dieser Inszenierung auch die Chance nicht entgehen, aktuelle Bezüge auszukosten: „Was halten Sie davon, dass ein neuer Mann ins Haus (Burgtheater) steht?“ Auch setzt man auf das humoristische Potenzial Bernhardscher Übertreibungen. Sätze wie „Die Wiener reißen immer das Beste ab!“ sorgen für Lacher im Publikum. Komisch angelegt ist auch die Figur des Musikkünstlers Auersberg, der in breitem Kärntner Dialekt lallend immer betrunkener wird. Ob das dem feinsinnigen Humor Bernhards entspricht, sei dahingestellt. Begeisterter, lang anhaltender Premierenapplaus.

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