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Wenn alles untergeht: Die Literatur bleibt

Neuauflage zum 90. Geburtstag: Gerhard Fritschs Roman „Moos auf den Steinen“.

peter natter

Die Krähen warfen sich mit schwerem Flügelschlag in die Luft, die schmutzigen Wolken zogen über einen blutig werdenden Himmel, die Hacke schlug in bittere Erde. Es wurde endgültig Tag.“ Dass die Sonne, die nun aufgeht, eine „kranke Sonne“ ist, die „zaghaft über die Ebene fingert“, wundert schon nicht mehr. Aber spätestens jetzt, auf Seite 35 des schwer und dunkelgrün in der Hand liegenden Buches, spürt der Leser, dass er diesem Text, dieser Welt nicht mehr entkommt. Ein verfallendes Schloss östlich von Wien, nah an der Donau, umgeben von den Sümpfen und sandigen Äckern des Marchfeldes. Eine Handvoll Menschen, ein heftiger Zusammenprall zweier Zeiten. Untergang, Moder, Fäulnis, Verwesung auf der einen Seite, mit dem Mut der Verzweiflung vorangetriebene Nachkriegs-Restauration auf der anderen. Der Zweite Weltkrieg ist noch sichtbar und nah, die Dörfer voller Brandruinen, die Menschen orientierungs- und hoffnungslos.

Verlorenes Schloss

Gerhard Fritsch (1924–1969) erzählt eine Geschichte von tiefster Archaik und grellster Menschlichkeit. Er erzählt in einem Stil und Duktus, in einer Klarheit, die fesseln. „Das Wasser rinnt gegen Morgen“, heißt das vorletzte Kapitel. Da sind alle Hoffnungen, das Schloss zu retten, Plünderung, Vergewaltigung und Zerstörung des Kriegsendes zu überwinden, von einem blinden Schicksal vernichtet worden. Ein alter jüdischer Literat, der versehrte Schlossherr, seine von antiker Trauer erfüllte Tochter, ein Keuschler und seine sterbende Mutter: Mehr bleibt nicht übrig im verlorenen Schloss. Doch „Menschen sind unterwegs gleich dem Wasser“, und „das Licht, das ihnen leuchtet, leuchtet nicht allein von den Gräbern.“

Unvergänglich

Der Korrektur Verlag, auf das Werk Thomas Bernhards zentriert, bringt zum 90. Geburtstag von Gerhard Fritsch seinen ersten Roman (Moos auf den Steinen“) neu heraus, als ersten Band einer projektierten Werkausgabe. Diese Publikation ist gewichtiger als das allermeiste, was sich auf den Bestsellerlisten und im Feuilleton tummelt, um Welten gewichtiger. Nein: um jene Welt gewichtiger, die die unsere ist, so wie sie beschrieben worden ist von Hans Lebert oder Thomas Bernhard, die zu verstehen unabdingbar ist für das Verständnis des Heutigen. ­„Bücher, wirkliche Bücher, sind gekelterte Trauer.“ (Seite 220) „Moos auf den Steinen“ ist ein unvergänglicher Jahrgang.

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