Kontakt

Neue Zeitungs GmbH
Gutenbergstraße1
6858 Schwarzach

Phone: 0043 5572 501 500

Zeit-Lupe

Peter Natter

Wurst und Elfenbein

Sie säßen im Elfenbeinturm und scherten sich nicht um die Welt: So lautet ein alter und arg hanebüchener Vorwurf an Philosophen und Dichter. Beschäftigt mit sich selbst und ihren abseitigen Spintisierereien sei ihnen längst die Welt, seien ihnen die Menschen und ihre alltäglichen Probleme, Aufgaben und Fragen abhanden gekommen. Seltsam, dass etwas so Edles wie Elfenbein in so schlechten Ruf kommen konnte. Dabei sind nicht einmal skrupellose Wilderer daran schuld, sondern erlauchte Geister. Das will mir nicht einleuchten, nicht erst seit ­gestern, aber seit gestern noch weniger. Was war gestern? Da bin ich berufsbedingt vom Elfenbeinturm herabgestiegen und spätabends vor einem Fernsehapparat gelandet. Angesagt war das Finale in der Verkündigung der Eurovisions-Songcontest-Finalteilnehmer. Schließlich saßen da noch vier oder fünf Teams und eines davon würde es schaffen. Die feschen Moderatoren haben es so spannend gemacht wie es ihnen möglich war (viel war’s nicht, ein wenig Zeit schinden). Als hinge Wohl und Wehe der Welt davon ab, harrten die bärtigen und bartlosen Sängerinnen die paar armseligen Sekunden aus. Es ging um die Wurst, mehr nicht. Um eine simple, banale, ordinäre Wurst.

Sie hat’s geschafft, die Wurst; und die Euphorie, mit der das gefeiert worden ist im vollen Saal (nicht von allen, aber wen kümmern in dieser Society Einzelschicksale von Verlierern? Kein Schwein!), rund um die Wurst herum, von der Wurst selbst und in Windeseile von den Nachrichtenagenturen, das hat mich mächtig beeindruckt. Gefreut nicht so. Warum? Weil mir sogleich der Elfenbeinturm-Vorwurf in den Sinn gekommen ist, der den Philosophen und Denkern ungemütlich entgegenschlägt, wenn sie nichts anderes tun, als sich mit den Fragen zu beschäftigen, die uns Menschen wirklich etwas angehen. Gegen das aber, was sich da in Kopenhagen abgespielt hat und heute beim Finale abspielen wird, ist jeder herkömmliche Elfenbeinturm ein Marktplatz. So weltfern und abgehoben, so abstrus und verschroben, so künstlich und feindselig wie der ESC kann kein noch so spitzfindiges und haarspalterisches Philosophieren, kein noch so verträumtes und abstraktes Dichten jemals sein, so ohne jeden geringsten Bezug auf das, was Not tut! Ehrt Eure Denker!

Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Entdecken Sie die NEUE in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.