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Wenn der Wind die Grenze verwischt

Das aktionstheater ensemble sticht mit seiner neuesten Produktion mitten ins Herz von Europa.

Angelika Drnek

Ein Stück über Europa täte not, sagte Regisseur Martin Gruber im Vorfeld der Uraufführung von „Pension Europa“, der neuen Produktion des aktionstheater ensembles, das am vergangenen Freitag im Rahmen des Bregenzer Frühlings Premiere feierte. Wer die Arbeit Grubers kennt, weiß, dass diese oft mit einer Oberflächenstruktur ausgestattet ist, die auf den ersten Blick wenig mit dem eigentlichen Thema zu tun hat. So auch diesmal. Fünf halbnackte Frauen betrinken sich mit Sekt und erzählen sich all jene Geschichten und Geschichtchen, die nur im intimen Rahmen einer testosteronfreien Zone zu erzählen sind: Die Warze an der äußeren Schamlippe musste weg, ja, die Spritze tat höllisch weh. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem ewigen Problem mit den Haaren: Färben oder Extensions? Plätten oder gleich eine Perücke? Und in welcher Pose sollte man sich nun fotografieren lassen, um möglichst wenig Bauch und möglichst lange Beine zu zeigen?

Der Blick auf das Außen

Da lässt sich fragen, was dieser Tratsch, dieser Austausch von Intimitäten – vollzogen auf weißen Plastiksesseln – eigentlich mit Europa zu tun hat. Mit Europa, das angeblich in einer Krise steckt? Alles, könnte man sagen, denn die Figuren kommen auch in ihren persönlichsten Geschichten nicht darum herum, den Blick auf das Außen zu richten. Die Warze an der Schamlippe führt zur Beschneidung von Mädchen in Afrika. Die Erinnerung an die Verdauungsprobleme im letzten Urlaub zu der Frage, wie sich eigentlich die Flüchtlinge auf ihren Booten entleeren. Und nach dem Ägyptischen Frühling hat Ryan Air die Flüge in den Staat der Pyramiden so supergünstig angeboten. Da muss man doch zugreifen. Blöd nur, wenn man sich ausgerechnet dort verliebt und das Liebesobjekt dann der Europäerin in die Heimat nachfolgen will. „Was mach ich denn dann mit dem?“

Gruber zieht zwischen die Bretter, die die Welt bedeuten, gleich mehrere doppelte Böden ein und lässt seine Figuren über viele kleine Geschichten eine große erzählen. Dabei wird spürbar, dass die Grenzen, auch zwischen Europa und dem Rest der Welt, verschwimmen. Der eigene Standort in der kuscheligen Pension Europa ist plötzlich nicht mehr gesichert, denn da ragt noch etwas anderes mit hinein. Rezepte zur eigenen Absicherung aber liefert Gruber seinen Figuren nicht. Diese fünf Frauen probieren sich aus. Sowohl gedanklich als auch körperlich, was der Inszenierung unheimlich viel Witz verleiht. Das, was möglich ist, ist Bewusstwerdung. Selbst wenn eine der Frauen nur sagen kann: „Mir fällt zu Europa nichts ein.“

Grenzfall Europa

Dem Trashigen, scheinbar Belanglosen, das in dieser Inszenierung verhandelt wird, setzt Gruber aber neben dem unterschwellig ständig thematisierten Grenzfall Europa noch etwas Anderes entgegen: das Paradies, von dem alle träumen. Nicht nur Nicht-Europäer. Die Sängerin Aisha Eisa, die sechste Figur in der Pension Europa, spricht zwar nicht, singt aber dafür – Mischung aus Grace Jones und Operndiva – vom Garten Eden. Und bietet damit dem Ensemble eine weitere Front, an der es sich reiben kann.

Da kommt dann auch die Poesie nicht zu kurz. Sätze wie „Diese Grenze habe ich nur auswendig gelernt, die gibt es in keiner Landkarte“ fallen schließlich zusammen mit einer der ersten Aussagen des Stücks, wonach der Wind die Grenze des Regens verwischt. Und Wind gibt es immer. Das merkt auch das Publikum spätestens, wenn minimalistischer Bühnenregen fällt und sich dahinter der Eiserne Vorhang hebt. Ein Bild der Entgrenzung in zweifacher Hinsicht, denn es erinnert nicht nur an jenes historische Ereignis aus dem Jahre 1989. Gruber gelingt es auch wieder eimal, das Publikum auf völlig unaufdringliche Weise vom gemütlichen Zuschauerraum mitten auf die Bühne zu holen. Denn hinter dem Eisernen Vorhang sind die leeren Zuschauerränge des Festspielhauses zu sehen – und damit ist klar: Wir sind nicht außen vor, wir sind mittendrin.

Ein großartiger Abend mit einem äußerst präzisen und authentischen Ensemble, das sich den begeisterten Schlussapplaus wahrlich verdient hat.

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