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Der Haarzopf einer Toten

Erneut punktet das Theater Sankt Gallen mit einer Opernproduktion: Korngolds „Die tote Stadt“.

anna mika

Wolfgang Korngold war 22 Jahre alt, als er „Die tote Stadt“ komponierte. Als komponierendes Wunderkind und Sohn des prominenten Wiener Kritikers Julius Korngold hatte er bereits einen solchen Bekanntheitsgrad, dass sich die Häuser um die Uraufführung rissen und diese schließlich an zwei Orten gleichzeitig stattfand, in Hamburg und Köln im Jahr 1920. „Die tote Stadt“ wurde rasch zum Welterfolg und könnte es bis heute sein, wären da nicht die extrem schwierigen Hauptpartien, für die es selten adäquate Sänger gibt. Sankt Gallen kann damit aufwarten. Die Rolle des Paul ist mit Stefan Vinke glänzend besetzt. Sein Heldentenor übersteht die mörderisch umfangreiche und zum Teil sehr hoch gelegene Partie mühelos, zudem überzeugt er auch darstellerisch. Auch Molly Fillmore als Marietta beziehungsweise Marie verfügt über große darstellerische Präsenz, und ihre Stimme nimmt vor allem durch eine glanzvolle Höhe ein.

Erfolg in Hollywood

Ganz auf die Hauptdarsteller zugeschnitten ist auch die Inszenierung von Jan Schmidt-Garre, oder weniger höflich formuliert, hat sich dieser Regisseur mit seinem Bühnenbildner Vincent Lemaire ein bisschen zu wenig einfallen lassen an Bebilderung dieser Handlung. Das verwundert, denn Garre kommt vom Film, und mit dieser Kunstgattung sind diese Oper und ihr Schöpfer auch vielfach verknüpft. Bekanntlich wurde Korngold nach seiner Emigration ein berühmter Filmkomponist in Hollywood, und die Handlung der „Toten Stadt“ ähnelt sehr Hitchcocks „Vertigo“.

Nur ein Traum

Beides geht auf den Roman „Das tote Brügge“ von Georges Rodenbach zurück. In dieser belgischen Stadt lebt Paul, der ganz in das Andenken seiner toten Frau Marie versunken ist. Er fühlt sich verpflichtet, ihr die Treue zu halten, doch lernt er Marietta kennen, die Marie verblüffend gleicht. Paul und Marietta werden ein Paar, doch er ergeht sich in Selbstvorwürfen und sie leidet daran, nur Ersatz für die Tote zu sein. Schließlich erdrosselt Paul Marietta mit dem Haarzopf seiner toten Frau. Dann wacht er auf und erkennt: Es war nur ein Traum.

Sein Freund Frank versucht ihn zu überzeugen, dass er aus Brügge, der toten Stadt, fort muss, um ein neues Leben zu beginnen. Frank (nobel und schön singend: David Maze) sieht in dieser Inszenierung aus wie Sigmund Freud und er nimmt die Rolle des Psychoanalytikers ein. Damit begründet Regisseur Schmidt-Garre auch die Schlichtheit seiner Inszenierung: Alles spielt sich im Innern des Hauptdarstellers ab. Doch es gibt ja noch die großartige Partitur Korngolds, die von komplexen Klängen im Stil der Epoche bis zu schlichten und wirklich ergreifenden Liedern alles hat.

Otto Tausk erweckt sie zusammen mit dem Sinfonieorchester Sankt Gallen zum Leben, auch er zuweilen ein wenig zu zurückhaltend. Von den Sängern ist unbedingt noch Susanne Gritschneder als feinfühlige Haushälterin Brigitta zu nennen, die weiteren kleineren Rollen sind gut besetzt. Großer Jubel auch in der B-Premiere am vergangenen Wochenende.

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