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Die ganze Welt in Bildstein

Regisseur Michael Wallner inszeniert für das Vorarlberger Landestheater Calderons „Großes Welttheater“ als Musiktheater vor der Kirche in Bildstein. Heute wird Premiere gefeiert – bei Schlechtwetter auf der Kirchenbank.

Sie inszenieren an Häusern wie dem Thalia Theater in Hamburg oder dem Burgtheater in Wien. Was treibt Sie nun ausgerechnet nach Bildstein?

michael wallner: Bildstein ist eine außergewöhnliche Produktionsstätte, ein geomantischer Punkt. An so einem Ort zu inszenieren – und dann noch das Große Welttheater – ist eine Herausforderung. Hier sind wir mit dem Äußersten, was die Natur zu bieten hat, konfrontiert. Und das Stück fragt danach, wie man leben soll. Diese Kombination könnte ganz gut aufgehen.

Das „Große Welttheater“ ist nicht gerade ein Dauerbrenner auf den Bühnen. Was reizt Sie daran?

wallner: Es gibt ja die Fassung von Eichendorff: sehr romatisch und kaum mehr verständlich. Deshalb habe ich – ohne zu modernisieren – aus dem Original eine heutige Fassung gemacht, der nicht diese deutsche Romantik aufgepfropft ist. Calderon hat ja eine recht merkwürdige Biografie. Er wollte Priester werden, wurde aber Soldat, dann Hofkaplan. Gleichzeitig hat die Inquisition zwei seiner Stücke verboten. Calderon trägt all die Figuren seines Welttheaters in sich selbst. Er lässt verschiedenste Lebensmodelle aufei­nanderprallen. Zum Beispiel das bacchantische Prinzip und das Vernunftprinzip. Hinzu kommt, dass dem Menschen der freie Wille gegeben ist. Trotzdem aber hadern die Figuren mit ihren Rollen. So wie auch wir in unserem Leben. Da denkt man schon mal: ‚Ach, ich wäre doch lieber Michael Schuhmacher geworden.‘ Die Frage ist: Was machen wir aus unserem Leben? Und was passiert an den Kreuzpunkten, an denen das Leben plötzlich eine ganz adere Richtung einschlägt? Sichtbar wird in dem Stück auch, dass wir glauben, alles absichern zu können. Doch nur ein Schritt vom Weg ab und wir erkennen, wie dünn diese Membran ist, in der wir leben.

Haben Sie die Figuren mit gewissen Besonderheiten versehen?

wallner: Ich bin erklärter Kritiker des patriachalen Systems. Deshalb wird es in meiner Fassung keinen Schöpfer, sondern eine Schöpfung geben. Das ist auch die einzige Rolle, die ausschließlich singt.

Welche Rolle spielt in Ihrer Inszenierung der Erlösungsgedanke?

wallner: Das wird etwas haben von „DSDS“ (Deutschland sucht den Superstar). Da heißt es dann: Ihr zwei kommt in den Himmel beziehungsweise werdet Superstars, und ihr zwei wandert in die Hölle. Da geht es auch um die Frage, inwieweit der Tod als etwas Endgültiges gilt. Der Wiedergeburtsgedanke hat ja auch etwas Schönes.

Ein Gedanke, mit dem Sie sich anfreunden können?

wallner: Ja, durchaus.

In welcher Hülle würden Sie gerne wiedergeboren werden?

wallner: Ich denke als Vogel. Als Raubvogel. Das wäre nicht schlecht.

Markus Nigsch hat die Musik komponiert. Wie klingt sie?

wallner: Jedes Stück hat Momente, in denen der Kern mit Worten allein fast nicht mehr greifbar ist. Diese Momente haben wir so gerafft, um daraus Musik machen zu können. Nigsch hat außergewöhnliche Musik komponiert – für ein Neun-Mann-Orchester, was finanziell eigentlich Wahnsinn ist für so ein Haus. Die Musik ist eher klassisch anmutend, aber sehr tonal.

Wie steht es um die Gnade im Stück?

wallner: Nun, die Schöpfung will eine Party veranstalten. Sie teilt den Menschen ihre Rollen zu, und diese sind herausgefordert, ihren freien Willen zu leben. Dann teilt die Schöpfung in Himmel und Hölle ein. Da geht es auch um das Prinzip der Hoffnung: Ein kleines, gut geführtes Leben ist genauso viel Wert wie ein prachtvolles JFK-Leben.

Glauben Sie das selbst?

wallner: Niemand, der im Showbusiness arbeitet, macht das, um den dritten Zwerg von links zu spielen. Jeder will Hamlet sein. Doch man ist herausgefordert, das Beste aus dem zu machen, was gegeben ist. Es gibt dieses Sprichwort, das besagt: Wer ein Leben lang glücklich sein, will, der lege einen Garten an.

Haben Sie einen Garten?

wallner: Sogar mehrere. Das gibt dem Leben wirklich Substanz.

Interview: angelika drnek

Premiere: Heute 20.15 Uhr, vor der Kirche Bildstein.

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