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Kosmodrom: Jungtalente in Szene gesetzt

Eine gelungene Annäherung an das merkwürdige Gefühl „Heimat“ ist heute noch einmal im ­Theater Kosmos in Bregenz zu sehen.

barbara camenzind

Ein ganzes Volk verwaist … und es weiß es nicht einmal.“ Und „Die Liebesbeziehung zu V. ist eine seltsame“. Diese zwei Kernsätze von Maya Rinderer und Amos Postner stehen für die starken neuen Stimmen aus der Vorarlberger Szene der Schreibenden. Das aktuelle Kosmodrom-Weekend „OberUnterOderland“ sucht mit den Kurzdramen „Die Bienen fliegen“ und „Über V.“ eine literarisch-szenische Annäherung an das merkwürdige Gefühl, das „Heimat“ heißt.

Da sitzt ein altes Paar in der Stube und wartet auf die Enkelin, die sich verspätet. In trauter Zweisamkeit gehen sie ihren Erinnerungen nach und reden aneinander vorbei, heiter die Frau, elegisch der Mann. Mit „Die Bienen fliegen“ schuf die 18-jährige Dornbirnerin Maya Rinderer ein poetisches Kabinettstück aus den Geschichten ihrer Großeltern. Schnörkellos wirkt die Sprache und schnörkellos sensibel wird diese von Johanna Tomek und Helmut Kasimir umgesetzt.

Härte des Alltags

Von wegen „früeher isch alls besser gsi“: Die Härte des Bergbauernalltags, das unverstandene Grauen der Weltkriegsjahre sind in die schlichten Sätze eingewoben. Sie berühren durch ihre Unmittelbarkeit und die klug eingesetzten Metaphern. Großmutters Erinnerung an die Zugfahrten in böser Zeit, die akribische Beschreibung der Waggons lassen ahnen, wovon sie auch noch hätte berichten können. Jedoch: „Als Kinder haben wir nicht gewusst, wie schlimm das damals war“ wird abgelöst durch „wir haben Kinder bekommen, Kühe geerbt und ein Haus gebaut“.

Das Bühnenbild (Christina Steinböck), bestehend aus zwei stilisierten Bergen und einem Bilderrahmen, unterstützt die in reduzierter Gebärde gehaltene Regie (Lisa Weiss) und lässt mehr Bilder im Kopf entstehen als auf der Szene. Und als der Großvater stirbt, verwaist das Bienenvolk und weiß es nicht einmal. Heimat lebt durch Bilder im Kopf.

„V. hat mich krank gemacht“. So provokant beginnt im bildlich klug gelösten, fließenden Übergang der Monolog „Über V.“ von Amos Postner. „Wie ein Schmetterling, der zurück in den Kokon gestopft wird“, so fühlt sich der Protagonist, der aufgrund einer zu schwierigen Liebesbeziehung zu „V“ in die Psychiatrie eingeliefert wird.

Projektionsfläche

Beklemmend direkt nähert sich der junge Schauspieler Anwar Kaslan seiner Figur, die sich immer mehr in unerlösten Sehnsüchten und Selbstzweifeln zu verstricken scheint. V. ist die jungfräuliche Geliebte, Projektionsfläche von Begierde und Ablehnung zugleich. Es kommt zu einer fatalen Nacht und V., davor ein Kind, ist es danach nicht mehr.

Der 21-jährige Rankweiler Amos Postner, der in Wien Philosophie, Vergleichende Literaturwissenschaft und Bildungswissenschaft studiert, präsentiert mit seinem Text eine kafkaesk anmutende Auseinandersetzung mit einer Geliebten, die sowohl V. wie Vorarlberg oder V. wie Valduna heißen könnte. Macht zu viel Heimatliebe verrückt? Und wer verliert eigentlich seine Unschuld? Postner lässt es offen. Kaslan beeindruckt durch seine nuancenreiche Sprache und seine Authentizität, indem er seiner Figur eine große Ratlosigkeit leiht. „V. hat heiße Liebe bestellt und mich immer zu küssen versucht“, wirkt schon fast tragikomisch. Portners „Beziehungsdrama“ hätte szenisch durchaus noch mehr Variation und Dramatik vertragen, ohne falschen Pathos zu produzieren. Doch die sensible Annäherung an das merkwürdige Gefühl „Heimat“ ist gelungen.

n Kosmodrom: „OberUnterOderLand“ mit den Kurzdramen „Die Bienen fliegen“ von Maya Rinderer und „Über V.“ von Amos Postner. Heute, 21 Uhr, Theater Kosmos. Anschließend DJ Nephew.

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