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Carmens erotische Pleite

Großartige Sänger, eine solide Orchesterleistung und eine geschmacklose, übertriebene Regie: „Carmen“ am Landestheater.

anna mika

Das Beste zuerst: Es war ein Fest hervorragender Stimmen, für das man die Besetzungsliste aber etwas umschreiben müsste. Denn die Primadonna des vergangenen Dienstagabends hieß nicht Carmen, sondern Micaela. Es ist das Mädchen, das José seit seinen Kindertagen im Dorf kennt und das ihn aus der Schmugglerhöhle herausholt, der Gutmensch in dieser Sammlung schräger Typen, die diese Oper sonst aufweist. Die an der Wiener Volksoper engagierte Mara Mastalir verkörperte nicht nur von ihrem Wesen her ideal dieses einfache Mädchen, sie sang auch ihre Arie im dritten Akt so berührend und emphatisch, wie man sie selten hört. Fast im gleichen Atemzug mit dieser jungen Österreicherin ist Adriano Graziani als Don José zu nennen. Auch er ist eine ideale Besetzung aufgrund seiner Ausstrahlung, und seine schöne Tenorstimme birgt eine großartige Ausdruckspalette. Der Escamillo von Charles Rice rundet sich im Laufe des Abends zu einer einprägsamen Figur, seine Gesänge, allen voran sein berühmtes Auftrittslied, meistert er souverän.

Regie-Opfer

Die im Vorfeld gerühmte Nadine Weissmann ist zweifelsohne eine sehr gute Carmen. Sie ist stimmlich locker bei der Habanera, kann aber auch sehr klangintensiv werden, und sie ist eine starke Darstellerin. Doch Carmen, und zu Beginn auch Escamillo, sind – abgesehen vom Chor – die größten Opfer von Alexander Kubelkas zweifelhaften Regie-Einfällen und den geschmacklosen Kostümen von Aleksandra Kica. Denn Kubelka verlegt die Handlung ins Heute, was selten, und auch ihm, nicht bruchlos gelingt. Während der Ouvertüre erleben wir Menschen, die illegal über eine Grenze gehen. Ein paar Mädchen werden zusammengetrieben und offenbar zur Prostitution gezwungen. Also spielt der erste Akt nicht vor einer Zigarettenfabrik, sondern vor einem Bordell. Und da sieht man allerhand, was man lieber nicht sehen würde, nämlich Gruppensex und äußerst unvorteilhaft gekleidete, oder vielmehr, entblößte Damen. Carmen ist eine von ihnen, und auch ihr Kostüm ist denkbar ungünstig.

Wenn Alexander Kubelka im Interview vor der Premiere noch gesagt hat, Carmen sei keine Schlampe, denn das wäre uninteressant, so muss man sagen, sie ist doch eine. Und eine wesentliche Charakteränderung gelingt auch im Verlaufe des Abends nicht, auch wenn sie und die Chordamen später mehr Textil am Leib tragen.

Das Bedauerliche ist, dass daran der wunderbare erotische Spannungsaufbau der Oper bis hin zur Blumenarie des José in sich zusammenbricht. Wenn José und Carmen von Anfang an knutschen und grapschen, so passiert in der Schenke, die übrigens keine ist, nichts mehr. Damit ist nur eine der Geschmacklosigkeiten der Regie genannt. Ständiges Fuchteln mit Schießgeräten und das Lächerlichmachen von Behinderten sind weitere.

Globalisierungsfalle

Das Bühnenbild, für das ebenfalls Kubelka verantwortlich zeichnet, erinnert stark an die Elemente der Mauer zwischen Israel und Palästina. Und wenn im vierten Akt darauf Videospots aus Korea flimmern, kapiert man, dass auch Bizets „Carmen“ der Globalisierung zum Opfer gefallen ist.

Bleibt das Symphonieorchester Vorarlberg zu nennen, das seine Sache gut macht. Die musikalische Gesamtleitung hat Alexander Drcar unter sich, der flott und sicher dirigiert, jedoch so manche subtilere Farbe schuldig bleibt. Ein dickes Lob gilt dem Chor, einstudiert von Benjamin Lack, der seine große und schwierige Partie achtbar meistert, ebenso der Kinderchor von Wolfgang Schwendinger. Unter den Sängern der weiteren Partien sind zwei Vorarlberger. Susanne Grosssteiner sieht blendend aus und singt sicher, während die junge Bassstimme von Johannes Schwendinger für die Partie des Zuniga noch zu wenig gefestigt ist.

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