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Menschen bewegen und verzaubern

Die Intendantin der Bregenzer Festspiele Elisabeth Sobotka beim NEUE-Interview im Festspielhaus. Klaus Hartinger

Die Intendantin der Bregenzer Festspiele Elisabeth Sobotka beim NEUE-Interview im Festspielhaus. Klaus Hartinger

Interview. Elisabeth Sobotka spricht über die Oper, ihre Zeit bei den Bregenzer Festspielen, das aktuelle Programm und über Frauen in der Opernlandschaft.

Von Lisa Kammann

Was fasziniert Sie an der Oper? Wie können Sie diese Begeisterung mit Ihrer Arbeit auf andere übertragen?

Elisabeth Sobotka: Das ist eine große Frage (lacht). Die Begeisterung auf andere zu übertragen, das ist ein hehres Ziel, das ich verfolge. Was mich an der Oper begeistert, ist die, wenn es funktioniert, direkte Wirkung in das emotionale Zentrum, das Herz, die Seele. Die Besonderheit ist, dass in der Oper Theater und Musik zusammenkommen. Beides hat eine sehr starke Wirkung auf den Menschen, und zusammen ist das für mich das größte Kunstwerk, das gelingen kann.

Ich glaube, dass es nur funktionieren kann, wenn die Menschen das auch wirklich erleben. Unser wichtigstes Ziel ist es, die Leute in die Oper zu bringen. Das ist genial, dass es hier einen Ort gibt, an den Menschen gerne kommen, die sonst keine Berührung mit der Oper haben. Mein Vorhaben hat keinen pädagogischen, sondern einen Verführungs-Hintergrund. Die Menschen, die hierherkommen und keine Opern-Freunde per se sind, wollen einen schönen Abend am See mit einem Spektakel, und im Idealfall erreichen wir sie auch im Innersten und sie sind bewegt, verändert, verzaubert, und nehmen diese Begeisterung dann auch mit.

Die letzte Spielzeit ist vom Publikum sehr positiv aufgenommen worden. Schafft das Druck für die kommenden Premieren?

Sobotka: Jeder Prozess auf eine neue Produktion schafft Druck. Man hat sich etwas vorgenommen, vorgestellt, im Team. Im Idealfall ist es eine große künstlerische Idee von allen Beteilig­ten geworden. Die wollen alle erreichen. Der Druck ist auch ein gewisser Erfolgsdruck, aber noch viel mehr will man die Ressourcen auch sinnvoll anlegen. Ich möchte, dass die viele Zeit, die Energie, die Vorbereitung in einem guten Prozess zu einem tollen Kunstwerk wird. Bei uns bei den Festspielen ist der Druck, die Karten alle zu verkaufen, groß. Aber schlussendlich geht es darum: Erreichen wir das Publikum?

Sie haben schon Erfahrungen in der vergangenen Spielzeit sammeln können. Was meinen Sie, ist die große Herausforderung in Ihrer Position als Festspiel-Intendantin?

Sobotka: Die Herausforderung hier im Haus, im Festspielhaus, ist eine, die ich sehr gut kenne von meiner Zeit im „normalen Opernleben“. Die besondere Herausforderung an der Seebühne ist: Wie kann ich draußen ein Kunstwerk schaffen, das einerseits den höchsten Qualitätsanforderungen – ästhetischer, aber auch inhaltlicher Natur – entspricht, jedoch auch die Faszination Oper im Spannungsfeld mit der Natur weitergibt. Da muss man Partner finden, die diese Herausforderung auch annehmen wollen. Man muss die Seebühne anders behandeln wollen als eine klassische Opernbühne.

Es macht Freude, Kasper Holten und Es Devlin (Regie, Bühnenbild von „Carmen“, Anm.) zuzusehen, wie glücklich sie auch sind, dass ihre Ideen zum Leben erweckt werden. Beide haben sich sehr gut vorbereitet und dieses Stück für die Seebühne hat sie gepackt. Sie sagen: Wir machen nicht einfach eine „Carmen“ für eine Opernbühne, sondern wir machen eine „Carmen“ für diesen Ort.

„Carmen“ wurde bei den Festspielen 1991 schon einmal aufgeführt. Was ist das Spezielle an der aktuellen Inszenierung?

Sobotka: Was ich vom Bild der Inszenierung von Jerome Savary kenne, ist die Felsen-Arena. Er hat wirklich einen echten Spielort geschaffen, ein klassisches Bühnenbild im Sinne von einer Arena, eine Felsenlandschaft, in der sich die Schmuggler treffen. In der aktuellen Inszenierung ist es eine Idee, die in einem Bühnenbild umgesetzt ist. Es ist sozusagen ein Teil des Inhalts: der Moment des Schicksals, aus dem es kein Entkommen gibt. Das betrifft uns ja alle: Wo entscheidet sich ein Leben, in welche Richtung?

Dieser Moment ist von Es umgesetzt worden: Die Karten werden aufgeworfen, und sie fallen ohne unser Zutun wieder zu Boden. Das ist der große Unterschied: Hier ist diese Idee in einem Bühnenbild umgesetzt, und dort wurde ein Raum geschaffen. Dieses Bühnenbild kann das auch. Das ist das Besondere: Es ist eine selbstständige Figur, die auch als Bühnenbild funktioniert.

Inwiefern eignet sich Kasper Holten für die Inszenierung von am See?

Sobotka: Ich muss sagen, dass Kasper Holten sehr effizient probt. Er hat einen ganz klaren Plan. Er hat sich ausgerechnet, wie viel Zeit er zur Verfügung hat, und das ist nicht viel. Er hat sehr klare Ideen, reagiert aber auch auf die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Sänger. Er ist unglaublich effizient, und das hat sich im ersten Durchlauf schon sehr stark bemerkbar gemacht. Ich war wirklich beeindruckt (lacht). Das war toll. Die ganze Idee der beiden (Holten und Devlin, Anm.) scheint zu funktionieren. Meine Vorstellung ist auf sehr kompetente und fantasiebegabte Partner gestoßen.

Es gibt auch wieder eine Uraufführung – „To The Lighthouse“…

Sobotka: Wir haben ja auch noch die Aufführung im Haus – „Moses in Ägypten“! Das ist auch wichtig (lacht). Dabei ist das Spannende die Zusammenführung eines Theaterkollektivs, der Puppenspieler, mit einer klassischen Operninszenierung. Auch da sehen wir einen sehr guten Prozess, das ist wirklich sehr spannend, kreativ und besonders.

Bei „To The Lighthouse“ kommt eine Entwicklung von zwei Jahren zum Ziel und auch zum Höhepunkt. Seit 2015 begleiten viele Zuschauer in Bregenz das Opernatelier, was ich sehr schön finde (Der Entstehungsprozess der Oper konnte in mehreren „Einblicken“ im KUB verfolgt werden, Anm.). Meine Überlegung war: Wir, die ein Stück in Auftrag geben, sind ja so nah dran, wir haben so viele Informationen und klare Erwartungen, wir wissen, was sich der Komponist und der Librettist gedacht haben, warum dieses Stück, die Musik so ist. Und diese Möglichkeit wollte ich dem Publikum auch geben, und das hat funktioniert, wir waren bei jedem Einblick voll. Ich bin gespannt, ob die Menschen, die das verfolgt haben, bei der Aufführung auch mehr davon mitnehmen können.

Warum haben Sie gerade diesen Stoff („To The Lighthouse“, nach einem Roman von Virginia Woolf, Anm.) gewählt?

Sobotka: Diese Frage haben wir auch öffentlich gestellt. Die Frage ist ja: Warum schreibe ich heutzutage eine Oper? Welche Konstellation auf der Bühne interessiert mich so sehr, dass ich sie musikalisch übersetze? Dass ich sie in eine Oper verwandle? Was bedeutet Singen auf der Bühne? – Das ist für den Komponisten sehr wichtig. Der Stoff ist unter anderem gewählt, weil Woolf ja unterschiedliche Stimmungen und Stimmen in dem Roman beschreibt. Jede Figur hat eine eigene Stimme und die Nacht hat auch noch eine Stimme, also eine Stimmung, die eine Stimme trägt.

Was bedeutet es in meiner Oper, wenn ein Mensch singt, deklamiert oder nur Laute von sich gibt? All das lässt sich sehr gut anhand von diesem Stück darstellen. Es ist auch ein unglaublich dichter Roman. Auf den ers­ten Blick kommt man vielleicht nicht auf die Idee, ihn in eine Oper zu verwandeln, aber es ist sehr schlüssig von dem Team umgesetzt worden. Leider ist Ernst Marianne Binder gestorben, der das Libretto geschrieben hat und auch inszenieren hätte sollen.

Mit „The Situation“ steht wieder eine Sprechtheater-Produktion auf dem Programm. Gibt es die Intention, diesen Teil des Spielplans weiterzuführen und vielleicht noch auszubauen?

Sobotka: Ausbauen weiß ich nicht, das ist wie alles hier eine Frage der Ressourcen. Wir haben ja auch nicht so viel Räume zur Verfügung, da müssen wir die Balance wahren. Wir möchten es unbedingt weiterführen. Es war auch der Wunsch des Stiftungsvorstandes und vor allem auch von meinem Kollegen Michael Diem (der kaufmännische Direktor, Anm.), dass, wenn wir diese Schiene wieder aufmachen, wir sie auch weiter beleben.

Ich freue mich heuer besonders, denn das Schauspiel hat auch einen starken inhaltlichen Grund für mich, in Zusammenhang mit „Moses in Ägypten“. Wenn ich mich mit diesem biblischen Thema beschäftige, fällt es mir sehr stark auf die Seele, dass dieser Konflikt (Naher Osten, Israel/Palästina, Anm.) bis zum heutigen Tag nicht nur nicht gelöst ist, sondern eigentlich immer unlösbarer wird.

Die Regisseurin von „The Situation“, Yael Ronen, kenne ich aus Graz. Sie lebt in Israel und war mit einem Palästinenser verheiratet. Es ist also ein Problem aus ihrem Leben. Sie und ihr Ensemble bringen die Konfliktfelder von heute in einer sehr heiteren, aber auch sehr drastischen und beklemmenden Art auf die Bühne. Es handelt sich um die Art von Humor, bei der man zuerst lacht und dann sagt man sich: Um Gottes Willen, darüber habe ich jetzt gelacht? Ronen hat keine wehleidige Herangehensweise, sondern eine unglaublich positive. Sie vermittelt die Hoffnung, dass, wenn wir uns dieses Irrsinns bewusst werden, wir auch etwas ändern können. Ich finde es unglaublich wichtig, zusätzlich zu „Moses“ auch einen heutigen Kommentar zu der aktuellen Situation zu zeigen.

Eine Frage zum Thema Frauen in der Opernlandschaft: Es gibt nicht viele Frauen, die eine Führungsposition in der Opern-Szene innehaben…

Sobotka: Da gibt es jetzt fast eine Welle, würde ich sagen: Zwei meiner Kolleginnen sind gerade ernannt worden. Sophie de Lint (Zürcher Operndirektorin, wurde an die Niederländische Nationaloper bestellt, Anm.), und auch Eva Kleinitz (Operndirektorin in Stuttgart, wurde zur Generalintendantin der Nationaloper in Straßburg berufen, Anm.). Aber es stimmt, es sind doch wenige. Ich weiß nicht, ob das nicht nur ein Zufall ist, aber ich merke, dass darauf geachtet wird. Die Rektorin der Wirtschaftsuniversität Wien (Edeltraud Hanappi-Egger, Anm.) hat jedoch bei einer Veranstaltung zum internationalen Frauentag gemeint, solange es keine Fortschritte bei der Kinderbetreuung gibt, wird sich da kaum etwas ändern. Wenn ich meine Mutter nicht hätte, die sich neben mir um meinen Sohn kümmert, hätte ich meinen Beruf aufgeben müssen. Aber es ist auf alle Fälle ein Bewusstsein geschaffen, und das finde ich gut.

„Man muss die Seebühne anders behandeln wollen als eine klassische Opernbühne.“

Elisabeth Sobotka, Festspielintendantin

Zur Person

Elisabeth Sobotka

Aus Wien gebürtig, studierte Elisabeth Sobotka Musik- und Theaterwissenschaft, Publizistik und BWL und schloss ihr Studium mit einer Arbeit über den Komponisten und Dirigenten Franco Faccio ab. 1992 wurde sie Leiterin der Künstlerischen Produktion an der Oper Leipzig. In den Jahren 1994 bis 2002 war sie Chefdisponentin und Betriebsdirektorin der Wiener Staatsoper. Von 2002 bis Ende 2007 hatte sie an der Staatsoper Unter den Linden Berlin die Position der Operndirektorin inne. Seit September 2009 steht sie der Oper Graz als geschäftsführende Intendantin vor. Seit Jänner 2015 ist sie Intendantin der Bregenzer Festspiele.

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