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Die Nähe zu Menschen: Monika Helfer wird 70

„Ohne die Beobachtung von Menschen könnte ich nicht schreiben“, sagt Monika Helfer.  APA/Stiplovsek

„Ohne die Beobachtung von Menschen könnte ich nicht schreiben“, sagt Monika Helfer.  APA/Stiplovsek

Monika Helfer feiert heute ihren 70. Geburtstag. Sie schreibt, seit sie elf Jahre alt ist – und hat nicht vor, damit aufzuhören.

Monika Helfer will und muss „schreiben, bis ich umfalle“. Die vielfach ausgezeichnete Autorin, die mit ihrem aktuellen Werk „Schau mich an, wenn ich mit dir rede“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, feiert heute ihren 70. Geburtstag. Sie lebt mit ihrem Mann Michael Köhlmeier in Hohenems. Mit der APA sprach sie über ihre Anfänge und den Tod. Auch der NEUE verriet die Schriftstellerin einige zusätzliche Details zu ihrem Schaffen.

Helfer wurde 1947 in Au im Bregenzerwald geboren und wuchs in einem Kriegsversehrtenheim bei Bludenz auf, wo ihr Vater, der im Krieg ein Bein verloren hatte, als Verwalter arbeitete. Sie begann mit elf Jahren zu schreiben. „Damals starb meine Mutter, ein absoluter Schock. Ich schrieb kleine Zettelchen, das war mein Trost, meine Rettung“, so die Autorin. Zugleich verlor sie ihr Zuhause, die Kinder wurden in der Verwandtschaft aufgeteilt. Sie kam mit ihren Schwestern zu einer Tante nach Bregenz. „Ich bin nicht verwöhnt worden. Ich bin zäh, das ist fürs Schreiben kein Schaden“, sagt sie.

Sie schrieb viel, wollte weg aus Vorarlberg und studieren, wollte „die sein, die auf dem Buchrücken steht“. Stattdessen heiratete sie mit 19 Jahren und bekam zwei Kinder. „Doch es bröckelte alles. Das war einfach nicht ich“, so Helfer. 1977 erschien ihr Erstling „Eigentlich bin ich im Schnee geboren“. Bei den „Randspielen“, einem Gegenfestival zu den Bregenzer Festspielen, lernte sie Michael Köhlmeier kennen, den sie 1981 heiratete. „Es war schicksalhaft. Aber wir verdienten beide kaum etwas, waren nicht einmal versichert. Wir waren Meister im Mit-wenig-Geld-Leben“, erzählt Helfer. Sie bekamen zwei gemeinsame Kinder: Lorenz Helfer ist Maler; Tochter Paula, die ebenfalls Schriftstellerin war, verunglückte 2003 bei einem Spaziergang am Hohenemser Schlossberg tödlich.

Nähe zu Menschen. Ihre Tochter ist für Monika Helfer immer präsent, nicht nur auf Bildern im dschungelhaft begrünten Wohnzimmer. Auf den Schlossberg geht sie jeden Tag. „Dabei kann ich gut denken. Und Paula geht immer mit. Man kommt dem nicht aus. Es ist ein extremer Schock, wenn deine Kinder vor dir sterben. Da stimmt nichts mehr“, sagt sie. Sie konnte lange Zeit nicht schreiben, schläft seither nicht mehr durch. In „Bevor ich schlafen kann“ (2010) fand ihre Tochter Eingang in ihre Literatur, als Figur, die der orientierungslosen Protagonistin den rechten Weg weist. „In dem Fall war Literatur Medizin. Sonst halte ich nicht viel davon, zur Therapie zu schreiben, denn Literatur ist Literatur, sonst nichts“, so die Autorin. Bemitleidet werden möchte sie wegen ihrer Schicksalsschläge nicht, denn „dein Leben macht dich ja zu dem, der du bist“.

Helfers Schreiben ist unverstellt. Ihren Figuren, oft Außenseiter und häufig Kinder, begegnet sie mit großer Empathie und ohne Verurteilung. „Durch meine Biografie habe ich eine Nähe zu Menschen, die irgendwie beschädigt sind“, erklärt sie. Aus oft zufälligen Begegnungen schöpft sie Inspiration. „In der Literatur gibt es ein Thema, und das ist der Mensch. Ich höre den Leuten zu – und dann hab’ ich schon wieder eine Geschichte“, sagt sie. „Ohne die Beobachtung von Menschen könnte ich nicht schreiben“, stellt Helfer klar. „Wenn ich eine Person gefunden habe, von der ich schreiben will, setzt sie sich meistens aus mehreren Personen, die ich kenne, zusammen – wird also zu einer Kunstfigur, der man nicht anmerken darf, dass sie eine Kunstfigur ist.“

Neben angloamerikanischen Autoren wie Carson McCullers und Alice Munro schätzt sie besonders Tschechow: „Er war ein sehr guter Menschenbeobachter. Es klingt brutal, aber für uns Schriftsteller ist das Material.“

Bis zum Umfallen. In Ruhestand gehen wird Helfer übrigens nicht. „Ich habe Freude am Schreiben, es ist für mich das Beste, und besonders gut finde ich die Vorstellung, dass ich schreiben kann, bis ich tot umfalle.“ Auch finanzielle Gründe spielen eine Rolle. „Mein Mann und ich haben beide keine Pension. Wir müssen arbeiten, bis wir umfallen. Aber es wird schon irgendwie gehen.“ An den Tod denkt sie seit Paulas Unfall täglich. „Ich fürchte mich nicht davor. Mit 70 Jahren muss man sich damit auseinandersetzen.“ Derzeit hat sie Pläne für ein neues Theaterstück. „Theater funktioniert anders als der Roman, ich brauche alles näher, die Sprache ist eine andere. Beim Romanschreiben geht es zwar auch um Dramaturgie, aber behutsamer.“

Auch ein Roman ist in Arbeit. Hauptfigur ist ein alternder Koch, der seiner Familie von seinen Lebensstationen erzählt. „Ich hab’ großen Spaß daran, weil es sehr komisch ist. Je mehr Tragisches man erlebt hat, umso mehr kann man das Komische schätzen“, so die Autorin.

Helfer schrieb zahlreiche Romane, Erzählungen, Kinderbücher, Theaterstücke sowie Hörspiele. Ihr Repertoire scheint jedoch noch lange nicht erschöpft zu sein.

Monika Helfers Werke

Monika Helfer schreibt Romane, Erzählungen, Kinderbücher, Theaterstücke und Hörspiele. Aus ihrer Feder stammen etwa „Die wilden Kinder“ (1984), „Der Neffe“ (1991), „Die Bar im Freien“ (2012) und „Die Welt der Unordnung“ (2015)und „Oskar und Lilli“ (1994). Sie bekam zahlreiche Preise, darunter den ORF-Hörspielpreis 1994 und den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur 1997. 2016 erhielt sie das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse.

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