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Reise in den Irrsinn der Zivilisation

Die unpop-Produktion „Die lächerliche Fins­ternis“ feierte am Sonntag Premiere – und überzeugte.

Von Lisa Kammann

Es sind viele Geschichten, die an diesem Abend erzählt werden. Den Beginn macht der somalische Pirat Michael Ultimo Pussi (Anwar Kashlan). In einer weißen Unterhose gekleidet steht er vor dem Hamburger Landesgericht und erzählt seine Geschichte: Er wollte mit seinem Freund Tufdau Fischer werden, doch das Meer ist leergefischt. Michael macht eine Piraten-Ausbildung, mit Tufdau entert er einen Frachter. Tufdau stürzt ins Meer, Michael wird gefasst. Nun bittet, fleht er die Europäer um Verständnis an. „Was soll man denn tun in dieser verdammten Welt?“

Bei der Premiere von „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz im Kulturhaus Dornbirn zeigt sich ein erzählfreudiges Stück. Regisseur Stephan Kasimir gibt in seiner Inszenierung den Figuren den Raum, um ihre Geschichte darzulegen, sich ans Publikum gewandt mitzuteilen. In einem Wechsel von Exposition und szenischem Spiel entfaltet sich die Geschichte einer kuriosen Reise, in der sich Realität und Fiktion, Witz und Ernst zu einem Trip durch die „wuchernde Wildnis“ der Zivilisation verdichten.

Irrsinn Zivilisation. Hauptfeldwebel Oliver Pellner und Unteroffizier Stefan Dorsch (Peter Badstübner, Luis Lüps) von der deutschen Bundeswehr haben eine außergewöhnliche Mission: Sie fahren auf einem Boot den Fluss Hindukusch – ja, den Fluss – stromaufwärts, um den durchgeknallten Oberstleutnant Karl Deutinger ausfindig zu machen, damit er liquidiert werden kann. Und so machen sie sich auf den Weg in ihrer Schiffschaukel, in Schwingung versetzt durch einen Papagei mit Pest-Maske (Wolfgang Pevestorf). Auf dieser surreal-wunderlichen Reise treffen sie auch auf drei wahnwitzige Personen, die sehr amüsant und mit reicher Mimik von Maria Fliri verkörpert werden.

Der inhaltliche Rahmen des Stücks ist also der Vorlage von Joseph Conrads Erzählung „Das Herz der Finsternis“ und Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse Now“ entnommen. Gekonnt webt Lotz Charaktere in die Geschichte ein, die den Einfluss des großen Zusammenhangs (Globalisierung, moderner Kolonialismus, Krieg) auf den Einzelnen zeichnen. Die Reise in die Wildnis führt dabei in den Irrsinn der Zivilisation, das Fremdartige ist eigentlich das Exotische des Bekannten: Da wundert sich Pellner über Essgewohnheiten der „Wilden“, die laut Gerüchten im Feldlager das Fleisch des Flussschweins in dessen Gedärme stopfen und dann braten – unvorstellbar, aber eigentlich nur eine Wurst.

Puddingpulver. Bevor sie an ihr Ziel gelangen, treffen Pellner und Dorsch auf einen italienischen Blauhelmsoldaten, der in einem Camp stationiert ist, in dem einheimische „Erntearbeiter“ Coltan abbauen. Daraufhin stoßen die Soldaten auf Bojan Stojkovi, der im Balkan-Krieg sein Haus und seine Familie verloren hat und seitdem als Händler von Muscheln, Investmentfonds und Puddingpulver durch den afghanischen Regenwald zieht. Tiefer im Dschungel gelangen sie an eine Mission, wo der schwäbelnde Pastor Norbert die körperliche Freizügigkeit der eingeborenen Frauen fördert – eine Figur, die beim Publikum ankommt.

Bei Oberstleutnant Deutinger angekommen, erzählt auch dieser seine Geschichte: Er habe seine Offiziere im Schlaf erschossen, um ihnen weiteres Leid zu ersparen. Deutinger ist damit nicht weniger irre als alle anderen Figuren, die sich durch das Dickicht der Finsternis durchzuschlagen versuchen.

Caro Starks Bühnenbild mit den Wolkenfetzen und der Schiffschaukel unterstreicht das Irreale dieser Reise und harmoniert perfekt mit dem Licht (Jan Wielander). Neben starken Bildern überzeugt die Inszenierung durch die Schauspieler: Mit viel Ausdruck führen sie in diese abstruse Welt. Auch wenn sich einzelne Teile dehnen, ist es ein kurzweiliges Stück, das das Publikum in den Wahnsinn unserer Zeit führt.

<p class="caption">Der Pirat (Anwar Kashlan) erzählt seine Geschichte. Kleines Bild oben: die beiden Soldaten (Peter Badstübner, Luis Lüps) auf ihrer Mission (v.l.).   Caro Stark (3)</p>

Der Pirat (Anwar Kashlan) erzählt seine Geschichte. Kleines Bild oben: die beiden Soldaten (Peter Badstübner, Luis Lüps) auf ihrer Mission (v.l.).   Caro Stark (3)

Termine

„Die lächerliche Finsternis“
von Wolfram Lotz.
Weitere Aufführungen:
heute, morgen und am 2., 7., und 8. November, jeweils um 20 Uhr im Kulturhaus Dornbirn.
Karten: www.laendleticket.at.

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