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„Lulu“ kehrt an die Staatsoper zurück

Agneta Eichenholz als Lulu, Bo Skovhus als Dr. Schön/Jack the Ripper.  Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Agneta Eichenholz als Lulu, Bo Skovhus als Dr. Schön/Jack the Ripper.  Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

„Lulu“ in der Inszenierung von Willy Decker feierte an der Wiener Staatsoper Premiere.

Lulu wird aus dem männlichen Blick geboren. Ein Blick, der erschaffen, definieren und töten kann. Femme fatale und scheues Reh, Lolita und Dirne, Opfer und Täterin. Willy Decker hat dafür ein wirkmächtiges Bild gefunden: eine Manege, auch auf der Rückseite von Zuschauerrängen gesäumt, gefüllt mit Männern. Am Sonntag ist Alban Bergs „Lulu“ an die Staatsoper zurückgekehrt.

Im Jahr 2000 hatte Decker seine „Lulu“-Manege erstmals in Wien gezeigt, allerdings in der zweiaktigen Fassung des Opernfragments. Ein Zugeständnis an eine Originaltreue, die man aber auch anders verstehen kann: Denn Friedrich Cerha, der den durch Bergs Tod unvollendet gebliebenen dritten Akt bis 1979 fertigstellte, wehrt sich gegen den Begriff des „Komponierens“, wie der heute 91-Jährige nun auch im Programmheft betont. Ähnlich einer Klavierstimme habe Berg den ganzen dritten Akt eigentlich fertig hinterlassen – neben fehlenden Bruchstücken habe er, Cerha, nur die Instrumentierung übernommen.

In seiner Anwesenheit geriet der dritte Akt mit dem – für Wien – neuen dritten Aufzug der Decker-Inszenierung jedenfalls zum Höhepunkt eines organisch gewachsenen Opernabends. Erst hier, als Lulu über steile Leitern auf die Zuschauerränge der Manege klettert, um ihren Körper an die vorbeiziehenden Männer zu verkaufen, und als von dort nicht nur Jack the Ripper, sondern all die stundenlang stummen Zuschauer mit ins Zimmer hinabsteigen, um sie kollektiv abzuschlachten – erst da erfüllt sich das ebenso stumme, bedrohliche Versprechen dieses effektvollen Bühnenbildes.

Ungreifbar. Auch die Partitur, von Ingo Metzmacher und dem Orchester zunächst vor allem mit unbestechlicher Präzision und etwas zu wohlmeinender Lautstärke, aber nicht allzu vieldimensional wiedergegeben, führt bereits im zweiten, dann im dritten Akt zu einer affektiven Sogwirkung, die auch den Figuren einige ihrer prägendsten Auftritte gewährt. Im Zentrum einer starken Besetzung steht Staatsopern-Debütantin Agneta Eichenholz. Die Schwedin, obwohl als Lulu bereits erfahren, tut sich mit dem Hineinfinden in ihre chimärenhafte Rolle nicht ganz leicht. Sie bleibt als Charakter ungreifbar, füllt ihre vielen männergemachten Attribute so fragmentarisch aus, dass sie zunächst nicht recht Person wird und daher auch schwerlich zu rühren vermag.

Dazu hadert ihr makellos geführter, auf den zwölf-tönernen Wendeltreppen farblich strahlender, aber nicht allzu großer Sopran immer wieder mit dem Volumen aus dem Orchestergraben. Aber auch sie steigert sich im Laufe des vierstündigen Abends, fügt sich zunehmend in ein Ensemble herausragender Sängerpersönlichkeiten – vom herb-eleganten Bo Skovhus als Dr. Schön und Jack the Ripper über die fantastisch stimmstarke Angela Denoke als gebrochene Gräfin Geschwitz bis zu Staatsopern-Säulen wie Herbert Lippert, Wolfgang Bankl und Franz Grundheber. Sie alle hätten von feinerer Personenführung profitiert, hätten in der eleganten, reduzierten Manege, die Decker und Bühnenbildner Wolfgang Gussmann schon vor fast 20 Jahren für Paris als zeitlosen Verhandlungsraum für Missbrauch, Macht, Sex und gesellschaftlichen Abstieg entworfen haben, noch etwas packender agieren können.

Aber bis zu einem gewissen Grad ist die flache Stereotypie, das Grau-in-Grau der Figuren, auch Programm. Denn diese Decker-„Lulu“ ist kein Psychogramm einer Frau. Sie ist auch keine Oper über das weibliche Prinzip. Sie ist – und das ist der eigentliche, spannungsgeladene Aktualitätsbezug zur #metoo-Debatte – eine Oper über Männer. Über ihre Verstrickung, über Besitzdenken und brutale Gier. Viel Applaus.

<p class="caption">Wolfgang Bankl als Tierbändiger, Franz Grundheber als Schigolch (v.l.).</p>

Wolfgang Bankl als Tierbändiger, Franz Grundheber als Schigolch (v.l.).

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