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Ein Täter namens Zufall

„Strafe“ betitelt sich Ferdinand von Schirachs neue, brillante und berührende Sammlung von Fallstudien menschlicher Entgleisungen.

Von Werner Krause

Agalmatophilie. Ein Begriff, der vielen Mitmenschen noch exotisch erscheinen mag. Aber das wird sich ändern. Die Bezeichnung steht für die Liebe zu Statuen und Puppen, also die innige Hinwendung zu unbelebten Gegenständen. Tendenz: stark steigend. In einer Gesellschaft, die in rasch anwachsendem Maß mit Sprechmaschinen, mögen sie nun Siri oder Alexa heißen, muntere und stundenlange Gespräche führt, ist das allerdings nicht verwunderlich.

Eine dieser Puppen wird einem Außenseiter, sprachgestört und gehemmt, zur Lebensgefährtin. Lydia heißt sie, und sie steht im Zentrum der insgesamt zwölf neuen Erzählungen, in denen Ferdinand von Schirach, einstiger Strafverteidiger, nunmehriger Schriftsteller, erneut belegt, wie schmal der Grat zwischen vermeintlich Gutem und scheinbar Bösen sein kann. Und wie oft ein Täter namens Zufall dabei seine Hände fatal im Spiel hat, als Auslöser von Kettenreaktionen.

Schirach schreibt keine Gerichtsreportagen, er schildert, fernab jeglicher Klischees, das Schicksal von Menschen, in denen die Einsamkeit ihr Quartier bezogen hat. Meist haben sie sich mit ihr halbwegs arrangiert, ehe irgendein kleiner Störfall den Weg auf die falsche Seite des Daseins weist. Unaufhaltsam.

Der Erzählstil dieses profunden Seelenkenners ist knapp, aber präzise; wenn es denn eine Filmsprache oder einen Sprachfilm gibt, dann gebühren Ferdinand von Schirach die Patentrechte dafür. Der Münchner verhilft einer Schöffin, die aus (falschem) Mitleid mit dem Angeklagten in Tränen ausbricht, zu einem Auftritt. Oder einer vermeintlichen Kindesmörderin, die den wahren Täter schützen will. Alltagsfälle vor Gericht? Keineswegs. Denn stets nehmen die Storys verblüffende Wendungen, oft zeigt der Autor, der mit Kafka verglichen wird, wie weit und letztlich oft unergründlich das Feld der Wahrheit sein kann.

„Vielleicht gibt es kein Verbrechen und keine Schuld, aber es gibt die Strafe“, heißt es in Schirachs persönlichster Geschichte. Fahrlässig wäre es, dieses außerordentliche Werk zu ignorieren.

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