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Die Differenz von Fakten und Wahrheit

Interview. Regisseur Philip Jenkins spricht vor der Premiere über seine Inszenierung von „Die Unverheiratete“ am Landestheater.

Worum geht es in „Die Unverheiratete“?

Philip Jenkins: Wie in so vielen Theaterstücken liegt das Problem in der Vergangenheit begründet. Eine Hauptfigur ist „die Alte“, sie hat aber auch einen Namen, nämlich Maria. Sie hat etwa vor 70 Jahren, in den letzten Kriegstagen, wo der Krieg schon längst verloren war, von einem Soldaten, den sie belauscht hat, gehört, dass er mit dem Gedanken spielt, zu desertieren. Den hat sie angezeigt. Und dieser Soldat ist daraufhin hingerichtet worden. Nach dem Krieg stand die Frau selbst vor Gericht und ist zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Nach Verbüßung dieser Zeit hat sie geheiratet und eine Tochter bekommen. Diese wohnt im gleichen Ort und versorgt die alte Mutter.

Wie beginnt das Stück?

Jenkins: Wie viele alte Menschen stürzt die 96-Jährige eines Tages in ihrem Haus, wird am nächsten Tag von ihrer Tochter gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Die Alte hat keine größeren Verletzungen, wird aber von der Tochter und Enkeltochter – „die Mittlere“ und „die Junge“ genannt – besucht. Beim Besuch gibt die Alte der Enkeltochter Ulrike den Hinweis, nach einem Heft zu schauen, in dem sie ihre Erinnerungen aufgeschrieben hat. Sie holt dieses Heft und erfährt eigentlich nichts Neues: Dass die Großmutter im Zuchthaus war und warum, das weiß sie schon von ihrer Mutter. Trotzdem versucht die Jüngere, mehr über die Beweggründe von ihrer Großmutter zu erfahren. Warum hat sie diesen Soldaten angezeigt? Denn darüber schweigt sich Maria beharrlich aus. Sie hat eigentlich nur Fakten aufgezählt. Dieser faktenorientierte Standpunkt reicht der Enkeltochter nicht.

Was führt die Junge für ein Leben?

Jenkins: Die Junge führt ein ganz anderes Leben als ihre Mutter und Großmutter. Sie hat das dörfliche Leben verlassen und ist in eine große Stadt gezogen – das Stück spielt in Ober­österreich. Sie ist ungebunden, und sie hat wechselnde Männerbekanntschaften. Sie hat die merkwürdige Angewohnheit, diese Männer zu fotografieren, während sie schlafen. Sie legt von ihnen eine Art Katalog an, aber nie von den Gesichtern, sie fotografiert immer nur einzelne Körperteile. Die Junge gibt es schließlich auf, bei der Großmutter über die Vergangenheit nachzubohren und lässt das Ganze ruhen. Aber sie tut etwas in ihrem Leben: Sie schickt die Fotos, die sie von den Männern gemacht hat, an einen von denen. Das Stück endet damit, dass sie von dem Mann aufgesucht und zusammengeschlagen wird. Was man da untersuchen kann, ist: Wie kann man in einem nur mit Frauen besetzten Stück über Männer sprechen?

Es gibt ja noch vier andere Frauen im Stück – die sogenannten „Hundsmäuligen Schwes­tern“. Was hat es damit auf sich?

Jenkins: Das ist eine eigene Schwesternschaft, in Anlehnung an die griechische Antike. Palmetshofer spielt mit Elementen des Elektra-Mythos. Diese vier Schwestern sind den Erinnyen, den Rachegöttinnen, nachempfunden, die ein vergangenes Verbrechen nicht ruhen lassen. Sie fordern ständig eine Aufarbeitung ein. Am Ende des Stücks passiert das, indem sich die Alte umbringt – sie erhängt sich an ihrem eigens Gehäkelten. Diese Vier lassen einzelne Szenen wieder aufleben, um Maria damit unter Druck zu setzen, zu konfrontieren. Da stellt sich die Frage von Schuld und Unschuld. Eine von den Erinnyen, die für Todesfälle zuständig ist, wird von einem Hundekopf dargestellt, deshalb heißen sie so. Das ist zumindest meine Vermutung. Sie haben auch eine Kommentarfunktion, wie der Chor im antiken Theater.

Die Frage nach dem Warum bleibt unbeantwortet. Können nachfolgende Generationen überhaupt ein Verbrechen aufarbeiten, wenn das Motiv der Tat verborgen bleibt?

Jenkins: Das ist eine interessante Frage und ich hoffe, es gelingt uns mit der Aufführung, dass gesagt wird: Wir müssen die Frage stellen, auch wenn wir keine Antworten bekommen. Das ist tatsächlich eine zentrale Botschaft des Stücks. Es hat was Resignatives, wenn man sagt: wenn die Alten nichts darüber erzählen, dann ist das halt verloren, da kann man nichts machen. Dann wird es zur Historie. Die letzten Zeitzeugen des Kriegs werden ja auch irgendwann nicht mehr am Leben sein. Auch wenn die Junge am Ende zusammengeschlagen wird, sie hat etwas gedreht beim Versuch einer Aufarbeitung. Sie hat ihr eigenes Leben hinterfragt, und beginnt ein neues.

Wie würden Sie den Sprachstil im Stück beschreiben?

Jenkins: In diesem Fall hat Palmetshofer sich von den Prozessakten und Protokollen des Falls inspirieren lassen. Mit den Berichten aus zweiter Hand hat er eine interessante Folie für das Stück gefunden. Es besteht viel aus Zitaten, wie „… sagt der Richter“. Und das Ganze hat er auch durchrhythmisiert. Er hat in Jamben geschrieben, ein klassisches Versmaß. Das macht er ganz bewusst. Das ist eine mutige Sache, aber es gelingt ihm ganz gut.

Inwiefern betrifft das Stück unsere Zeit? Weil es noch Zeitzeugen gibt?

Jenkins: Ja, deshalb, aber es ist auch eine zukunftsweisende, grundsätzliche Überlegung von Palmetshofer. Er meint nämlich, wir müssen versuchen, die Wahrheit herauszufinden, auch wenn alles dagegenspricht. Die Wahrheit ist unterschiedlich zu dem, was reine Faktenlage ist. Denn was der Autor unter Wahrheit versteht, ist ethisch fundiert. Wir gelangen nur zu einer Wahrheit, wenn wir uns einer Ethik stellen. Und das finde ich sehr aktuell. Wir müssen uns einer moralischen Verantwortung stellen.

Lisa Kammann

<p class="caption">Regisseur Philip Jenkins inszeniert am Landestheater.  Klaus Hartinger (2)</p>

Regisseur Philip Jenkins inszeniert am Landestheater.  Klaus Hartinger (2)

Infos zum Stück

Philip Jenkins wurde 1976 geboren. Er studierte in Wien und führte unter anderem am Burgtheater Regie. Jenkins lebt in Bregenz. „Die Unverheiratete“ (Uraufführung 2014) ist ein Stück des österreichischen Autors Ewald Palmetshofer und basiert auf einem wahren Fall. Die Inszenierung von Philip Jenkins feiert am kommenden Samstag um 19.30 Uhr im Großen Haus am Landestheater Premiere. Weitere Informationen und Termine: www.landestheater.org

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