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Die unmögliche Klärung einer Tat

Lilly Prohaska als „Die Mittlere“, am Rand die „Hundsmäuligen“. Kleines Bild unten: Mara ­Widmann, Babett Arens und Prohaska.  Anja Köhler (3)

Lilly Prohaska als „Die Mittlere“, am Rand die „Hundsmäuligen“. Kleines Bild unten: Mara ­Widmann, Babett Arens und Prohaska.  Anja Köhler (3)

Gelungene Premiere von Philip Jenkins Inszenierung von „Die Unverheiratete“ am Landestheater.

Von Lisa Kammann

Es ist zu klein, das Foto. Zu klein, als dass die Angeklagte im Gerichtssaal darauf das Gesicht erkennen könnte. Das Gesicht desjenigen Soldaten, dessen Tod die Frau zu verantworten hat. Wie der junge Mann ausgesehen hat, und ob er tatsächlich desertieren wollte, bleibt im Dunkeln. Genau wie die Beweggründe der mittlerweile 96-jährigen „Alten“, den Soldaten kurz vor Kriegsende der Desertion zu bezichtigen. Beharrlich schweigt sie über das Warum. Auch wenn sie wiederholt mit ihrer Tat konfrontiert wird, sie bleibt dabei: Sie „kann nur immer wieder sagen“, was alle schon wissen. Details gibt die Alte nicht preis. „Kann mich nicht erinnern mehr. Beim besten Willen nicht“.

Regisseur Philip Jenkins inszeniert „Die Unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer am Bregenzer Landestheater – ein für die Darsteller anspruchsvolles Stück, das hier mit intelligenter Regie und einem ausgezeichneten Schauspiel gelingt. Im Zentrum steht dabei die Vergangenheit, die in die Gegenwart ragt, der Versuch der jüngeren (weiblichen) Generation, das zu klären, was unklärbar scheint: die Frage nach der Schuld, und, über allem stehend, die Suche nach der Wahrheit.

Verstrickt. Babett Arens glänzt in der Rolle der Alten namens Maria. Mit ihrer schroffen, verbissenen Art wehrt sie sich gegen Fragen der Enkeltochter, gegen die Anklagen der „Hundsmäuligen“ – die Erinnyen, die Rachegöttinnen, die Maria immer wieder in die Vergangenheit holen. Szenen des Prozesses, die harte Zeit im Zuchthaus, in dem sie nach dem Krieg ihre Strafe verbüßte: das Geschehene bleibt präsent. Als die Alte nach einem Sturz in ihrer Wohnung im Krankenhaus liegt, wird sie dort von ihrer Tochter und Enkeltochter besucht. Die „Junge“ (Mara Widmann) soll ein Heft mit Erinnerungen an sich nehmen, das Maria „für die ungeborene Zukunft“ geschrieben hat.

Die Junge hat sich vom Dorfleben gelöst, führt ein eigenständiges Leben in der Stadt. In den Aufzeichnungen erfährt sie nichts Neues: Mit 18 Jahren erfuhr sie die bekannten Fakten von der Mutter, der „Mittleren“ (wundervoll bieder von Lilly Prohaska verkörpert). Die Junge versucht noch einmal, bei der Großmutter nachzuhaken, ohne Erfolg. Die Auflösung vollzieht sich am Ende durch den Einschnitt im eigenen Leben: Die Junge konfrontiert einen Mann, den sie wie viele nach dem Beischlaf heimlich fotografierte, und wird von ihm zusammengeschlagen. Brutal endet auch das Leben der Alten: Sie hängt sich, in den „eigenen Fäden verstrickt“, auf.

Atmosphäre. Das Geschehen ist gut im Bühnenbild von Michel Schaltenbrand platziert: Eine Holzkonstruktion am Boden erschwert das Vorankommen der Figuren, im Hintergrund ein heruntergekommenes Krankenhaus beziehungsweise Zuchthaus. An der Wand der Umriss eines Kreuzes, das zuvor an der Wand hing – ein Relikt aus der Nachkriegszeit, in der vor allem Disziplin und Gehorsam gefragt waren. Auch darauf bezieht sich die Alte: Sie habe doch nur nachgemacht, was vom „Volksmund“ vorgegeben war.

Der Text wurde – passend für die Anlehnung an die Antike – in Jamben verfasst. Das gelingt überraschend gut, das Versmaß wirkt nicht gekünstelt oder bemüht. Der Rhythmus fließt und fügt das Gesagte in ein stimmiges Gesamtbild ein – die Tragödie, ausgelöst durch eine Tat in der Vergangenheit. Diese wird von den vier Hundsmäuligen (Sarah Zaharanski, Bo-Phyllis Strube, Nathalie Thiede, Loretta Pflaum) wieder und wieder in die Gegenwart geholt: Sie greifen meist aus dem Hintergrund als Rache-Einheit mehrstimmig ein und verleihen dem Ganzen noch mehr Atmosphäre.

Die Inszenierung verzichtet auf Unnötiges und setzt die Schauspieler gekonnt in Szene. Ein Stück zeitgenössisches Theater, das funktioniert.

„Die Unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer. Infos und Tickets: www.landestheater.org

<p class="caption">Lilly Prohaska als „Die Mittlere“, am Rand die „Hundsmäuligen“. Kleines Bild unten: Mara ­Widmann, Babett Arens und Prohaska.  Anja Köhler (3)</p>

Lilly Prohaska als „Die Mittlere“, am Rand die „Hundsmäuligen“. Kleines Bild unten: Mara ­Widmann, Babett Arens und Prohaska.  Anja Köhler (3)

<p class="caption">Lilly Prohaska als „Die Mittlere“, am Rand die „Hundsmäuligen“. Kleines Bild unten: Mara ­Widmann, Babett Arens und Prohaska.  Anja Köhler (3)</p>

Lilly Prohaska als „Die Mittlere“, am Rand die „Hundsmäuligen“. Kleines Bild unten: Mara ­Widmann, Babett Arens und Prohaska.  Anja Köhler (3)

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