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Satire als Ventil für Unbehagen

Helga Pedross, Maria Fliri und Peter Bocek im Alten Hallenbad (v.l.).

Helga Pedross, Maria Fliri und Peter Bocek im Alten Hallenbad (v.l.).

„DI_VER*SE“: Satirische Anregung zum Nachdenken über die Vielfalt „Mensch“ im Alten Hallenbad.

Von Martina Pfeifer Steiner

Diversität und Vielfalt sind heutzutage positiv aufgeladene Begriffe und sehr beliebt im Zusammenhang mit Ökologie oder Technik. Wird jedoch die geschlechtliche Vielfalt damit gemeint, herrscht plötzlich großes Befremden und Unsicherheit. Was ist daran so bedrohlich, wenn es mehr Variationen gibt als Mann und Frau? Solche Fragen stellte sich die Regisseurin Barbara Herold, als die Idee auftauchte, im nächsten Stück Transidentität und Intergeschlechtlichkeit zu thematisieren. Sie zweifelte anfangs, ob sie als eine aus der Hetero-Normalität kommende, nicht in der Community verankerte, wohl die Richtige sei. Herold begann zu recherchieren, unvoreingenommen, mit neugieriger Offenheit, und es begegneten ihr Menschen, die frei und ehrlich ihre berührenden Geschichten erzählten.

Ein Dutzend Interviews führte die Regisseurin. In einer Atmosphäre von großem Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung erzählten die Leute unterschiedlichen Alters und mannigfacher Herkunft über Alltag, Ausgrenzung und Akzeptanz, von Menschenrechten und Menschenwürde, auf der Suche nach ihrem persönlichen Glück. Als „DI_VER*SE“ bringt Herold nun die Vielfalt an Schicksalen als Monolog-Rap, Doku-Satire trans-gegendert auf die Bühne.

Machtstellung. „Es ist nicht wichtig, eine Frau oder ein Mann zu sein. Wichtig ist es, ein Mensch zu sein!“, deklamieren Maria Fliri oder Helga Pedross oder Peter Bocek, und dem Publikum läuft Gänsehaut über den Rücken. Wie weit weg sind diese Angelegenheiten, was hat das alles jetzt mit uns zu tun? Das Männer–Frauen-Schema hat sich als Machtapparat manifestiert, den die Infragestellung von Er und Sie mit eben dieser Diversität dazwischen – die auch nicht mit Es abgetan werden kann! – aufzuweichen imstande ist. Diese starre Einteilung und Schubladisierung von Mann und Frau soll gottgegeben sein? Ist doch absurd!

Und den Frosch im Kinderbuchklassiker „Das kleine Ich bin Ich“, haben wir den nicht immer schon als extrem fies empfunden? „Nanu? Ein namenloses Tier bist du? Wer nicht weiß, wie er heißt, wer vergisst, wer er ist, der ist dumm! Bumm.“ Und das eigenartige, undefinierbare Geschöpf, das seit Jahrzehnten harmlos durch die Kindergärten irrt, um unsere Jüngsten in ihrer Identität zu bestärken, verzweifelt ganz arg auf seiner Reise nach sich selbst. Dramatisch wird es abgewiesen, die eindeutigen Tiere machen sich lustig über die arme Kreatur – über alles, über Aussehen, über Fähigkeiten, über Charaktereigenschaften, über Es – oder sie oder ihn.

Transformation. Im genialen Bühnenbild von Caro Stark, mit rosa-nude, raumhohen Stoffbahnen, die Wickelkind, Sichtschutz vorm OP-Saal, Frauengewand, Absperrung und Auffangnetz sein können, kreischt das bunte Stofftier als Handpuppe gleich am Anfang heraus. Das plakativ andersartige Wesen auf Identitätssuche wird sehr diffizil eingesetzt.

Fliri, Pedross und Bocek lassen das ergriffene Publikum in keiner Minute aus. Im Szenenstakkato wechseln alle drei glaubwürdig Geschlecht, Alter, Schicksal. Faszinierend die Akzente, die mit Choreografie, projizierten Vexierbildern und Kostümdetails wie farbigen BHs und Männerunterhosen mit Seitentaschen hinein gebracht werden. Rasen dann die Akteurinnen mit Rollhockern hin und her, die nicht zufällig an Krankenhaus erinnern, kann nur noch ein Auflachen über die satirische Entlarvung helfen, als Ventil für großes Unbehagen und Betroffenheit.

Weitere Termine und Infos: www.dieheroldfliri.at

<p class="caption">Peter Bocek und seine Kolleginnen wechseln auf der Bühne glaubwürdig Geschlecht, Alter, Schicksal.  Mark Miosman (2)</p>

Peter Bocek und seine Kolleginnen wechseln auf der Bühne glaubwürdig Geschlecht, Alter, Schicksal.  Mark Miosman (2)

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