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Zwei Mundvoll Schweigen

Nicht nur Entsetzen sollen sie auslösen, sondern vor allem Vernunft. Zwei unentbehrliche Romane schildern jüdische Schicksale im Jahr 1938. Eines der Werke, „Der Reisende“, ist ein sensationeller Spätfund. Von Werner Krause

Ein beklemmendes Werk, geprägt von düstersten Vorahnungen, untrennbar verbunden mit dem Schicksal des Autors. 23 Jahre alt war Ulrich Alexander Boschwitz, als er, schockiert von den nationalsozialistischen Novemberpogromen im Jahr 1938, innerhalb weniger Wochen den Roman „Der Reisende“ verfasste.

Sein Protagonist, oder wohl besser: Leidtragender, ist der wohlhabende jüdische Kaufmann Otto Silbermann. Wie viele seiner Glaubensgenossen erachtet er die Menschenhatz und die Plünderungen lediglich als kurzen Spuk mit baldigem Ende. Eine Gutgläubigkeit, die in einigen Anfangspassagen an Victor Klemperers Jahrhunderttagebuch „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ erinnert.

Sein Haus will Silbermann dennoch verkaufen und mit seiner Frau zu seinem in Frankreich lebenden Sohn auswandern. Allerdings fehlen ihm die erforderlichen Dokumente. Den Ernst der Lage erkennt Silbermann erst, als er von zahlreichen Verhaftungen in seinem Familien- und Bekanntenkreis erfährt; in letzter Sekunde gelingt ihm die Flucht. Sein einziges Gepäckstück ist eine Aktentasche voll mit Geld, dazu da, sich die Freiheit jenseits der deutschen Grenze doch noch erkaufen zu können.

Eine trügerische Hoffnung, die in eine Irrfahrt mündet. Denn tagelang ist der plötzlich vollends Geächtete, geplagt von rasch wachsenden Verfolgungsängsten, fast ausschließlich in Zügen unterwegs. Sie erscheinen ihm als letzter halbwegs sicherer Ort erscheinen. Wie ein „Schimpfwort auf zwei Beinen“ wähnt er sich dabei und in der Rolle von einem, dem man „persönlich“ den Krieg erklärt habe.

In Wahrheit absolviert dieser Otto Silbermann, ein rechtloser Nomade, von „arischen Freunden“ im Stich gelassen, eine Höllenfahrt. An deren Ende er auf einem Bahnhof in Dresden aufgefordert wird, mit einzustimmen in den Chor des braunen Mobs: „Komm, brüll mit: Juden raus …!“

1939 erschien der Roman von Ulrich Alexander Boschwitz mit großem Erfolg in englischer Sprache. Der Autor selbst lebte ab 1935 im Exil; seine deutschsprachige Version wollte er noch überarbeiten, doch dazu kam es nicht mehr. Jetzt, fast 80 Jahre später, entdeckte Peter Graf vom Klett-Cotta-Verlag das mit etlichen Anmerkungen versehene Originaltyposkript im Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. Völlig unangebracht wäre es, den „Reisenden“ an seinen literarischen Qualitäten zu messen. Das Werk, geschrieben in sehr nüchternem Ton, zeigt auch keineswegs einen Helden.

Denn mehrmals hadert Silbermann mit seiner Herkunft, er ist auch moralisch mitunter zwiespältig. Aber das Buch gewinnt, Seite für Seite, an Eindringlichkeit, es zwingt zur Mitreise in die Nacht, vorbei an einer Gesellschaft, deren Antlitz zu einer grauenhaften Fratze verkommen ist.

Dem Autor gönnte das Schicksal nur noch wenige Jahre. Sein Protagonist brachte es durch die Verschrottung von Schiffen zu einigem Reichtum. Ulrich Alexander Boschwitz, damals 27 Jahre alt, befand sich 1942 auf einem Flüchtlingsschiff auf dem Weg nach England. Das Schiff wurde torpediert – von einem deutschen U-Boot.

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